Kurzgeschichte

Unterm Schirm

von Gabriele Müller

Nichts strahlt mehr Sicherheit aus als ein zuvorkommendes Vielleicht. Jesus zum Beispiel. Würde Jesus heute twittern? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Dinge nicht genau zu wissen, beruhigt. Und Ruhe ist Sicherheit.

„Das ist ein hübsches Preußischblau, aber ...“

„Ultramarin. Es ist Ultramarin.“

„Ultramarin, ich werde es in Ihrer Akte vermerken. Ultramarin, hübsch für ein Damentaschentuch. Aber für eine Ladenfassade, nein.“ Der Mann trug eine Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern, sein versteckter Blick wanderte aufgeregt hin und her. „Wir mögen keinen Bruch in der Fassade, keine Unruhe, sondern Harmonie.“

Unterm Regenschirm geht’s weiter (Illustration: Andreas Wiedemann)

 

Die Fassade des Ladens hätte sich in der Farbe anzupassen an die Umgebung, erklärte der Herr vom Amt. Konkret bedeute das: Beige, Schlamm, Cognac oder Grau – passend zum Straßenbelag.

„Müssen Sie so sein, oder wollen Sie so sein?“ Andreas hatte eine Lederschürze umgebunden, roch nach Öl, nach Holz, seine Hände waren ramponiert. Die Frauen mochten das, vielleicht weil sie dachten, dass einer, der Schirme in Handarbeit herstellte, zuverlässiger war und dass er die Zeit stehen ließ. Und das Zeitlose stellten sie sich in ihrer Fantasie überaus freudvoll vor. Andreas trug ein orangefarbenes Baumwollhemd, Orange, das erlaubte er sich, konnte er auch. Gegen Orange am Hemd gab es noch keine Verordnung. Vor der leuchtend blauen Mauer war er mit seinem Orange ein Lichtblick in einer Straße, in der es galt, Auffälligkeiten zu unterdrücken – mal abgesehen von Zigarettenwerbung, Lottoreklame, wehenden Kunststofffahnen, die Stromanbieter propagierten, und den üblichen Brauereigeschichten.

Zwei Männer, die sich gegenüberstanden – zwischen ihnen die geöffnete Ladentür, aus der Tür ein verraucht-sonores Walk on The Wild Side und unter ihnen unscheinbare Pflastersteine.

Der Herr bückte sich und band die Schnürsenkel seiner Schuhe zusammen.

„Warum muss ein Haus unbedingt aussehen wie eine graue Maus?“ Andreas musterte seinen Besucher.

Der räusperte sich, sah nach oben. „Und auch die Markise“, sagte er, „Ihre Markise gefällt mir gar nicht, das ist keine anständige Markise, und die Fassade gefällt mir sowieso nicht. Die fällt geradezu aus dem Rahmen. Aber das hatte ich ja bereits erwähnt.“

„Meine Markise gefällt Ihnen auch nicht? Gut – dann werde ich die Markise sofort aus dem Weg räumen.“

Andreas drehte an der Kurbelstange rechts neben der Ladentür. Die Markise bestand aus sechs Regenschirmen in verschiedenen Blautönen, die sich nacheinander auffächerten oder wie ein Blütenblatt ineinander falteten.

Die beiden Männer sahen in den Himmel, der ergoss sich wie aus Kübeln über die Stadt und platzte in das diffizile Fassadendebakel.

„Das kommt wie bestellt“, freute sich Andreas, „warten Sie einen Moment, ich hole mir einen Schirm. Ich hab ja genügend.“

Er kam zurück auf den Gehweg und spannte einen großen Herrenschirm aus Kirschholz und dunkelgrauer, imprägnierter Seide auf. Es machte ein elegantes Klick, ein zartes Wusch. Ein Klang, den nur gutes Material zu erzeugen vermochte. Plastik aus Taiwan klackte anders – ohne Sexiness.

Andreas stand unter dem Schirm. Der andere im Regen. Seine Wildlederschuhe begannen aufzuweichen. Eine ältere Dame mit Plastikhaube über den Wasserwellen ging an einem Gehwägelchen vorbei. Lämpchen an ihren Turnschuhen blinkten in pinken Blitzern auf.

„Vielleicht müssen wir jemanden vorbeischicken“, sagte der Mann. „Zur Kontrolle gewissermaßen, um den neuen Anstrich ...“

„Vielleicht lass ich es aber so. Ich mag ultramarin.“

„Vielleicht ist keine gute Antwort.“

„Vielleicht ist mein Lieblingswort“, sagte Andreas. „Nichts strahlt mehr Sicherheit aus als ein zuvorkommendes Vielleicht. Jesus zum Beispiel. Würde Jesus heute twittern? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Dinge nicht genau zu wissen, beruhigt mich ungemein. Und Ruhe ist Sicherheit. Verstehen Sie mich?“

„Vielleicht.“

„Sie haben meine Frage beantwortet. Das ist fast ein Kompliment.“

Als der Mann zu seinem Wagen ging, platschte es in seinen Schuhen. „Ich weiß, Sie mögen mich nicht. Aber damit kann ich leben“, sagte er, hielt an und drehte sich um. „Das ist nichts Neues für mich. Aber am Ende werde ich gewinnen, und das allein zählt.“

Dann platschte er weg.

*

„Wenn ich groß bin, werde ich schwul“, sagte der kleine Junge.

„Mach das“, antwortete seine Mutter. „Aber jetzt müssen wir in den Kindergarten, da warten große Aufgaben auf dich.“

„Stimmt, da muss ich kämpfen. Den ganzen Tag.“

Sie nahm ihn an die Hand und zerrte ihn über die Straße.

„Und du, Mama, du musst dann auch schwul werden. Dann darfst du auch tanzen, oben auf den Schwulenautos, beim Schwultag.“

„Ich tanz, wo ich will – da muss ich nicht extra schwul werden.“

Als sie ihren Sohn der Kindergärtnerin übergab und zum Abschied küssen wollte, hielt er sich die Hand vor den Mund: „Heute nicht, Mama.“

Sie reichte ihm seine Brotzeitdose und unter der Hand eine Windel für den Notfall.

„Brauch ich nicht.“

„Man kann nie wissen, was der Tag so bringen wird“, sagte sie.

„Was machst du jetzt, Mama?“

„Ich geh, und dann schau ich mir eine Hauswand an.“

„Das ist langweilig doof.“

„Genau.“

„Darf ich mit?“

*

„Cooler Laden“, sagte Melitta und blickte auf die vielen Stoffballen in den Regalen, die gläsernen Schubladen, in denen sich Schrauben, Stifte, Kronen und Schieber aus Eisen verbargen. Auf die massive Werkbank aus Holz, auf die Schirmgestänge, die in verschiedenen Größen an einer Leiste baumelten. Und auf den Kassettenrecorder, aus dem The Best is Yet to Come knisterte.

Cool. Womöglich kannte der Typ dieses Wort gar nicht. Woher auch. So einer war von einer anderen Welt – ohne High Fidelity, ohne Facebook, ohne Android Mobile. So einer war offline, in seiner guten Stube abgeschirmt von den Verstörungen des Surrealen. Wann sollte einer, der maßgefertigte Regenschirme herstellte, ein Wort wie cool gebrauchen? Oder würden seine Kunden, reiche Männer sicher, Päpste etwa, uralte Politiker, opiumsüchtige Herzöge, Fußballvereinspräsidenten, auf die das gemeine Volk Eier schmeißen könnte, oder Zuhälter, die Philosophen sein wollten, würden solch gewichtige Männer zu diesem Schirmemacher sagen, was für ein verdammt cooles Schirmchen er da zusammengeschustert habe?

„Ihr Chef war weniger angetan“, sagte Andreas.

„Das glaub ich. Der ist auch von mir nicht sonderlich angetan. Zweimal bin ich in den letzten drei Monaten zu spät gekommen. Höchstens fünf Minuten. Ich hab einen kleinen Sohn, und ein kleiner Sohn will nicht immer so wie seine Mutter. Na ja. Seitdem sagt mein Chef jedenfalls immer und nie. Immer komme ich zu spät. Nie bin ich pünktlich.“

„Wer immer und nie braucht, hat keine natürliche Autorität“, sagte Andreas. „Der hat kein Selbstbewusstsein.“

Sie sah ihn an. „Stimmt genau. Und stellen Sie sich vor, der hat sein Foto größer machen lassen als die Fotos seiner Mitarbeiter. Im Jahresbericht. Das machen die einmal im Jahr, den Bericht für die Öffentlichkeit. Und da ist sein Foto immer das größte. Nur das letzte Mal, da haben die das eben vergessen. Wir waren alle gleich. Und so war es auch gedruckt. Das haben die dann eingestampft, sein Foto größer gemacht – und alles noch mal neu gedruckt. Dafür hätte man ein paar von Ihren Regenschirmen kaufen können, nicht wahr? Wer kauft denn bei Ihnen so einen Regenschirm, wenn ich das mal fragen darf?“

„Alle, die ihn sich leisten wollen. Den hier zum Beispiel, den hat ein Schwimmmeister in Auftrag gegeben.“

Er nahm ein langes Gestänge, auf das bordeauxroter Baumwollstoff gespannt war, Stock und Griff waren aus einem Stück gebogenen Kastanienholz.

„Ein Schwimmmeister, der Angst hat, nass zu werden?“

Sie lachte. Ein ansteckendes Lachen. Er grinste.

Melitta kaufte die Kleidung für ihren Sohn auf dem Kirchenbazar, obwohl sie mit der Kirche nichts am Hut hatte. Sie gab für Kinderkleidung im Jahr vermutlich weniger aus, als einer von diesen Schirmen kostete. Womöglich zahlte sie sogar weniger Miete für ihre zwei winzigen WG-Zimmer. Als kleines Mädchen hatte sie in Brezen und in Kugeln Eis gerechnet, später in Margaritas und in Folge der Margaritas in Babywindeln. In Schirmen hatte sie nie gerechnet.

„Ein Mann braucht einen Schirm“, unterbrach Andreas ihre Gedanken. „Für sich, aber immer auch für die Frau an seiner Seite. Um sie richtig zu beschirmen. Um sie abzuschirmen und um sie unter dem Schirm zu küssen.“

„Mich hat noch keiner unterm Schirm geküsst. Ich trag aber auch immer ein Regencape, aus Kunststoff. Oder ich werde nass. Und das ist schön, das mag ich, Regentropfen auf meiner Haut.“

Er legte den Schirm zurück auf die Werkbank.

„Man muss den Schirm nicht aufspannen, wenn man nicht will.“

Sie zog die Augenbraue hoch.

„Und Frauen?“, fragte Melitta. „Kaufen die Ihre Schirme?“

„Frauen kommen kaum.“

„Warum?“

„Frauen wollen öfters was Neues“, sagte Andreas. „Die wollen sich nicht so festlegen, auf die Ewigkeit. Einen Schirm für immer, das wollen die nicht.“

„Ihre Schirme halten also länger als die meisten Ehen. Das heißt, dass ein Schirm von Ihnen in seinem Leben viele Küsse für viele Frauen abschirmen wird.“

„Vielleicht.“

„Hakt die Frau sich bei dem Mann unter, wenn er sie abschirmt, oder legt der Mann den Arm um sie?“

„Das hängt davon ab, ob sie Sex haben werden. Wie macht Ihr Mann das? Oder ist es Ihr Freund?“

„Mein Freund hat mich nicht abgeschirmt, der hat sich abgeseilt.“

Sie schubste die herunterhängenden Schirmgestänge, ließ sie hin und her pendeln.

„Würde Ihnen das Angst machen, mit einem Mann unter einem Schirm?“, fragte Andreas.

„Ob mir das Angst machen würde?“

„Ja – oder haben Sie nie Angst?“

„Natürlich hab ich manchmal Angst, oft sogar.“

„Wovor?“

„Dass ich diesen Job behalte, dass ich den Job nicht behalte, dass ich die Miete nicht mehr zahlen kann, dass ich nicht kapier, was richtig, was gut ist für meinen Sohn und für mich. Es ist mein erster Job, ich hab Jura studiert. Aber ich weiß manchmal nicht ...“

Sie würde einen Bericht schreiben müssen, über diesen Mann, über Ultramarin – oder war es Aquamarin? Und wen würde sie dann verraten? Ihn, sich?

„Ich hab auch oft Angst.“

„Wovor?“, fragte Melitta.

„Dass es nicht mehr regnet.“

Er lachte, sie lachte. Er sah sie an.

„Gut. Ich muss jetzt gehen – finde ich“, sagte sie und ging zur Tür hinaus. Andreas folgte ihr.

Sie standen nebeneinander, vor der ultramarinen Mauer, jeder wartete, dass der andere Worte des Abschieds verkünden würde.

Im Laden nebenan gab es Zeitschriften, belegte Brötchen und vor dem Schaufenster ein großes Netz mit bunten Bällen.

„Haben Sie früher auch einen Spielball gehabt?“, fragte Andreas.

„Ich hatte sogar mal zwei Spielbälle – bevor ich gestillt habe. Jetzt hab ich statt Spielbällen Panna cotta.“

Er sah sie von der Seite an.

„Nichts gegen Panna cotta“, sagte er, „die find ich ziemlich geil – besonders, wenn sie wackelt.“

Sie grinste, wurde ein bisschen rot.

„Was?“, fragte er.

„Nichts.“

„Möchten Sie noch mal hereinkommen und die Hölzer anschauen? Die haben Sie noch gar nicht gesehen ...“

„Vielleicht“, sagte sie und lächelte kurz.

„Sehr schön“, sagte er und lächelte länger.

 

Von Gabriele Müller ist im Ars Vivendi Verlag der Kriminalroman „Dress-Code“ erschienen.

Veröffentlicht am: 20.04.2012

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Anna Seifert-Speck
24.04.2012 23:27 Uhr

Ich hoffe, meine Tochter Melitta hat, wenn sie erwachsen ist, eine romantische Begegnung der Müllerschen Art.

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