Kurzgeschichte

Die "Andere Generation", der Praktikant und die Signora

von Gabriele Müller

Im Grunde mochten sie sich: Mae West, Gertrude Stein und Black Beauty. Musikalisch jedoch war ihr Verhältnis von Disharmonien getrübt. Abgesang auf ein Trio Infernale.

Sie waren durch und durch bisexuell und spielten ein- bis zweimal die Woche mit einer Flamingofeder Federball. Gezählt wurde wie im Tennis: 15, 30, Spiel, Satz. Während des Matches redeten sie nonstop. Sie waren frei von Ehrgeiz, schwach im Antrieb und gefräßig.

Mae West, die Jüngste, ein Deutsches Reichshuhn, sie trug ein platinblondes Federkleid, zeigte sich einsilbig und rebellisch zugleich, was die genetische Beteiligung eines Altenglischen Kämpfers befürchten ließ. Die beiden anderen nannten sie die Andere Generation. Hintenrum natürlich, weil sie feige, hinterfotzige Hühner waren.

„Du kennst Patti Smith nicht?“, fragte die Signora boshaft. Die Signora war ein mopsiges Appenzeller Spitzhaubenhuhn im Leopardengewand und hieß eigentlich Gertrude Stein, weil der Bauer sie für klug, aber unvermittelbar hielt.

„Lebt der überhaupt noch, der Patti?“, fragte die Andere Generation schnippisch zurück und hüpfte punkig auf und ab.

Die Signora blickte gemeingefährlich und bewegte sich dazu wie der sterbende Schwan – was edel aussah, bisweilen aber auch schon in die Hosen gehen konnte, da die dünnen Beinchen die Masse ihres Körpers nicht zu balancieren vermochten.

„Das war eine Frage aus dem musikalischen Hinterhalt“, sagte der Praktikant, der nur ein Jahr jünger war als die Signora, doppelt so alt wie die Andere Generation und trotzdem von allen geduzt wurde. „Da muss die nicht drauf antworten.“

Der Praktikant war ein Japanisches Seidenhuhn, schön, aber flugunfähig, hätte eigentlich ein Hahn werden sollen, war schwarz wie die Nacht und nannte sich selbst Black Beauty. Weil er so jung und unverbraucht aussah, Schlag hatte bei allen Geschlechtern und nie aus den Federn kam, hieß er bei den tierischen Hofbewohnern nur der Praktikant, auf den sie alle unverhohlen scharf waren.

„Hey, gib ab, du Tussi!“, fegte die Andere Generation den Praktikanten an und gackerte ein Liedchen von Boysetsfire.

„Zu meiner Zeit gab’s das nicht“, zickte die Signora.

„Was?“, fragte die Andere Generation.

„Boysetsfire. Da sag ich nur: Hardrock für Mädchen. Das gab’s früher nicht. Früher war Hardrock noch Männersache.“

Ein sanfter Windhauch trug die Flamingofeder zu der Signora, die, vollschlank wie sie war, der Feder mehr Aufprallfläche bieten konnte als die anderen. Und das ließ ihr Spiel gemütlich werden. Sie wippte ein bisschen ihre Wampe und ließ die Feder gemütlich hin und her gleiten. Feder auf Federn.

„Huch, ist das betörend“, wisperte sie und wollte die Feder gar nicht mehr von sich lassen.

„Signora, Sie sind eine Spaßbremse“, moserte der Praktikant.

Die Andere Generation nahm Anlauf, flog über die Signora hinweg, nicht ohne ihr zuvor mit ihren gepiercten Krallen einen Rempler zu verpassen, und schubste die Flamingofeder von der Vollschlanken.

„Wer hat jetzt Aufschlag?“, fragte die Andere Generation und klimperte affektiert mit den Augendeckeln.

„Wenn ich es mir aussuchen könnte, dann wäre ich gerne Patti Smith“, sagte der Praktikant, unterbrach den Spielfluss, drehte sich im Kreis und schlackerte lasziv mit seinen Popofedern. „Dann gehört die Nacht uns Liebenden.“

Die beiden Damen sahen ihn zügellos an.

„Soll ich euch den Tiger von Eschnapur machen?“, fragte der Praktikant und stöhnte fast maskulin, aber vor allem mit Inbrunst.

Die Mädels stießen schrille Schreie der Lust aus.

„Grell, gell“, spitzte er sein Schnäbelchen.

Die Signora blinzelte erotisiert und pickte Körner aus der gemeinsamen Futterstation. „Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich lieber Frank Sinatra.“

„Ach du Schande“, sagte die Andere Generation, die aus Prinzip kein Blatt vor den Mund nahm. „Diese mafiöse Schmalzlocke.“

„Und du?“, fragte der Praktikant. „Wer wärest du, wenn es anders auch ginge?“

„Gabi Delgado“, sagte die Andere Generation.

„Was ist das?“, fragte der Praktikant.

„Spanische Folklore oder Minnegesang aus der Renaissance“, antwortete die Signora.

„Ihr kennt Gabi Delgado nicht?“, fragte die Andere Generation. „Das ist eigentlich eure Zeit gewesen. Eure Generation. Gabi Delgado, einer der wenigen Gabis überhaupt.“

*

„Bei uns auf dem Hof machen wir Hahnenwettkämpfe, da geht es anders zu“, sagte das Mädchen, dessen Hühner echte Krieger waren. „Eure Hühner sind zu tiefenentspannt. Die haben nicht die richtige Einstellung zum Wettkampf.“

„Meine Eltern sind Veganer, die mögen kein Gemetzel“, sagte der Junge.

„Das sieht man ihnen gar nicht an“, sagte das Mädchen.

„Man sieht es nicht, aber man hört es. Wenn ich nicht eingreifen würde, würden hier nur die Stones und die Bay City Rollers laufen. Stell du dir mal vor, du wärst ein Huhn und müsstest den ganzen Tag dieses Hippie-Halleluja hören!“

„Tierquälerei!“, sagte das Mädchen und hob mit einer Holzstange die „3“ hoch auf die Spielanzeige. „Ich hab gewonnen. Aber hey: Mach dir nichts draus. Deine Hühner sind halt Weicheier.“

Er sah das Mädchen betroffen an. „Wie das Huhn so der Herr?“

„Komm, Dicker, chillen. Du bist nicht so. Nicht wie eure Hühner und schon gar nicht wie deine Eltern.“

Mehr kann man vom Leben nicht erwarten, dachte sich der Junge und trieb seine Weicheier zurück in den Hühnerstall.

 

Veröffentlicht am: 09.03.2013

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