Kurzgeschichte

Der Hund

von Gabriele Müller

Eine Frau und zwei Männer bedeutet: Bier, Kippen, begrenzte Verehrung, entspannten Umgang mit Regeln und ein bisschen Hopsala.

Es kränkte ihn, dass sie ihn siezte. Ihn als einzigen. Wenn sie ihn siezte, würden alle anderen ihn auch siezen.

„Herr Doktor, wenn es Ihnen zu viel wird, gehen Sie bitte in die Stellung des Kindes. Und die anderen gehen bitte wieder in den nach unten schauenden Hund.“

Herr Doktor hier, Herr Doktor dort. Es war, als ob sie ihn absichtlich degradieren wollte.

Und genau das war es: Sie wollte ihn degradieren.

*

Es war nicht ihr erstes Yoga-Seminar, das sie zusammen mit einem Bekannten leitete. Sie hatte sich darauf gefreut, auf die Schüler, das vegetarische Essen, die Ruhe, die Natur, den See, kein Nikotin, kein Alkohol. Vierunddreißig Teilnehmer, zwei Yogalehrer und eine Köchin waren sie. Es gab Gruppenzimmer, Doppelzimmer, Einzelzimmer, den großen Raum für die Yogastunden und einen Speisesaal.

„Hast du nicht wieder mal Lust, dass wir zusammen ein Yogawochenende machen ...“, hatte ihr Bekannter gefragt. Und natürlich hatte sie Lust gehabt.

Als sie ihn, den Herrn Doktor, abends bei der allgemeinen Begrüßung unter den Neuen entdeckte, war die Sache gelaufen.

Nach der ersten Yogapraxis und der Schlussentspannung stapelten alle ihre Decken übereinander, rollten die Matten zusammen und freuten sich auf das vegetarische Abendbüfett.

Während sie sich zur nächsten Tankstelle direkt am See flüchtete.

*

„Ich brauch ein Bier“, sagte sie.

„Eins oder zwei?“, fragte der Besitzer.

„Zwei.“

„Eins hier? Zwei hier? Eins zum Mitnehmen für später, alles zum Mitnehmen?“

„Erst mal eins sofort.“

Er sah sie an.

„Mädchen, du setzt dich jetzt hinten auf die Terrasse, auf den Klappstuhl, da hast du einen schönen Blick auf den See. Und ich komm gleich und setz mich dazu.“

Sie saß und starrte auf den See, der die Ruhe selbst war.

Dann kam er, reichte ihr die offene Flasche Bier, eine Kippe und hielt ihr ein brennendes Streichholz hin.

Sie bedankte sich.

„Dann erzähl mal“, sagte er. „Ich hab Zeit.“

Sie nahm ein paar Schlucke, rauchte die Zigarette zu Ende: „Ich hab mit achtzehn für fünf Anwälte, alle mit Doktortitel, gearbeitet. Als Aushilfssekretärin. Die konnten sich untereinander auf den Tod nicht ausstehen. Jeder von diesen fünf Anwälten hatte seine eigene Art, einen Empfänger brieflich zu begrüßen: ,Mein lieber‘, ,Verehrter‘, ,Sehr geehrter‘, ,Verehrtester‘, ,Hoch geehrter Herr‘ und so weiter. Bei der Verabschiedung war es das Gleiche: ,Hocherfreut erbitte ich Ihre Antwort‘, ,Mit herzlichen Grüßen‘, ,Derweil verbleibe ich mit den besten Grüßen‘, ,Meine aufrichtige Anteilnahme für Ihre Verluste‘, ,Ihr treuer Dr. XXL‘ und so weiter. Dann gab es noch Variationen je nach Anlass: drohend, bittend, schleimig, distanziert: ,Wir werden uns alsbald bei Ihnen melden‘ – nur um ein Beispiel zu nennen.“

„Schlimm.“

„Als ich achtzehn war, und das ist eine ganze Weile her, da gab es noch keine Computer. Es gab Schreibmaschinen und es gab einen Fristentisch für die Briefe eben. Und ich hab mich immer vertan: die richtige Anrede zum richtigen Anwalt – ich hab das einfach nicht geschafft. Die Anreden nicht und die Fristen sowieso nicht. Ob sie sich nicht alle auf eine gemeinsame Formel einigen könnten, eine für die Anrede und eine für den Schluss, hatte ich die fünf Anwälte mit Doktortitel gebeten ...“

„Ich frag gar nicht erst.“

„Das klingt bestimmt sehr lustig, wenn man sich das so vorstellt. Ich wundere mich, dass du nicht lachst. Ehrlich. Ich würde schon längst unterm Tisch liegen. Aber für mich war es eben gar nicht komisch. Ich war damals sehr verzweifelt. Wegen ,sehr geehrt‘, ,verehrt‘, ,verehrtester‘. Ich hab sie gehasst, alle fünf. Und einer von denen ist jetzt in meinem Yogakurs und duzt mich. Ich sieze ihn natürlich. Alles andere wäre fatal. Aber das Schlimmste für mich persönlich ... ich kann es gar nicht richtig ausdrücken. Ich mach seit fünfzehn Jahren Yoga und Meditation. Und in der Regel bin ich entspannt und gelassen, aber ...“

Sie tranken noch ein Bier und rauchten noch ein paar Zigaretten.

„Jede Regel hat ihre Ausnahmen. Ich würde ihn weiterhin siezen“, sagte der Tankstellenbesitzer. „Der hat nichts Besseres verdient.“

Hocherfreut stieß sie mit ihm an. „Und was machst du so?“

„Vorne mach ich Tankstelle, hinten mach ich Unterricht für Windsurfen.“

„Windsurfen an einem windstillen See?“

„Das hat Vorteile. Da passiert weniger. Ohne Wind. Es ist ein sehr entspanntes Surfen.“

Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander.

„Und wie verbleiben wir zwei jetzt?“, fragte der Surflehrer.

„Ich komme wieder“, sagte sie. „Morgen.“

„Schön“, sagte der Tankstellenbesitzer. „Wir harmonieren ja auch irgendwie, wir zwei.“

Auf dem Weg zurück zum Seminarhaus schrieb sie ihrem Yoga-Bekannten eine SMS, dass sie Bier getrunken habe und Zigaretten geraucht.

Ihre Bekannter antwortete: „Kenne die Regeln und gehe spielerisch mit ihnen um.“

*

Am nächsten Morgen setzte sich der Herr Doktor zu ihr an den Tisch. Sie hätte vor Schreck fast den Ingwertee ausgespuckt.

„Ich bin nicht mehr das Arschloch von damals“, sagte er. „Möglicherweise bin ich immer noch ein Arschloch und ziemlich sicher noch immer kein spannendes Arschloch. Aber definitiv bin ich nicht mehr das gleiche Arschloch wie damals.“

„Arschloch war früher ein absolutes Tabuwort für mich“, sagte sie, „wegen der Kinder. Immer wenn ich mich geärgert habe, beim Autofahren zum Beispiel, dann hab ich gesagt: ,Adolf, aus der Bahn! Adolf, gleich fahr ich dir rein! Adolf, dich mach ich fertig!‘ Ich wollte nicht, dass die Kinder schlimme Worte von mir hörten. Aber ich wollte auch wütend sein dürfen.“

„Arschloch wäre mir dann ehrlich gesagt lieber“, sagte der Herr Doktor und dass er übrigens Oskar hieße.

Nach dem Morgentee kamen alle wieder zur gemeinsamen Yogapraxis zusammen.

Sie fühlte sich leicht und locker.

„Oskar“, sagte sie, da waren sie kurz vor der Schlussentspannung. „Komm bitte her zu mir. Wir machen jetzt noch eine Partnerübung. Den Handstand. Die anderen schauen bitte erst einmal zu. Und du, Oskar, du gehst bitte noch einmal in den nach unten schauenden Hund, und von dort geht’s mit ein bisschen Hopsala nach ...“

 

 

Veröffentlicht am: 26.10.2012

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