Eine Kurzgeschichte von Herbert W. Franke

Paradies

von kulturvollzug

Das Paradies ist der Ort, der alle Sehnsüchte erfüllt. Macht uns das auf die Dauer glücklich?

Von Herbert W. Franke

"Pendel-Oszillogramm" Eine Analoggrafik von Franke aus dem Jahr 1958 Abb.: Archiv HWF

Der Himmel war von einem scheußlichen Blauviolett. Meist allerdings verdunkelten ihn Schwaden von Aluminiumstaub, die von einzelnen Wolkenpilzen ausgingen. Dort rissen die warmen Aufwinde den Metallstaub in die Höhe. Wie eine säulengestützte Decke hingen die grauen Polster in der Luft.

Außerhalb der Plattform war jeder Schritt gefährlich. Jede unvorsichtige Bewegung wirbelte die Aluminiummassen auf – die geringste Menge brachte einen dem Ersticken nahe. Es gab auch Löcher, wo man einfach im Staub versank, untertauchte und nie mehr zum Vorschein kam. Am unangenehmsten waren die Kristallfelder, Flächen, die ein lockeres Netz aus langen Oxydnadeln bedeckte, das einen stellenweise trug und dann wieder unversehens einbrechen ließ. Jeder hatte trotz der Stiefel Stich- und Kratzwunden an den Beinen.

Sieben Monate meiner zwei Dienstjahre hatte ich schon abgedient, da bemerkten wir das Raumschiff. Es kreiste einige Male über unserer Plattform und verschwand dann in der Höhe. Von da an konnte es oft passieren, daß man von seiner Arbeit aufsah und den Schlitten oben herumkurven sah. Ein scheußliches Gefühl, sich immer beobachtet zu wissen.

Dann kam der Tag, an dem Tom verschwand. Er war allein vor die Baracke getreten und kam nicht wieder herein. Wir suchten einige Stunden, aber vergeblich. Schließlich mußten wir annehmen, er sei in eines der Aluminiumlöcher gefallen.

Eine Woche später sahen wir das Raumschiff wieder. Diesmal kreiste es nicht, sondern fiel wie ein Sack bis dicht über den Boden. Dort fing es sich auf und blieb schweben. Eine Luke öffnete sich, eine Leiter schwenkte aus, eine Gestalt kletterte herunter. Tom.Wir hielten unsere Gewehre bereit, doch er streckte uns die Hände offen entgegen und trat auf uns zu.

»Keine Sorge, alles in Ordnung«, rief er uns zu. »Habe einen kleinen Besuch gemacht. Rate euch auch dazu!«

»Wem gehört das Schiff?« fragte Cedric.

»Meinen Freunden«, antwortete Tom. »Kommt mit!«

Cedric winkte mir, und wir traten ans Schiff. Ich hatte ein ungutes Gefühl. Im Weltraum gibt es die seltsamsten Wesen.

Was uns aber nun entgegenkam, waren Menschen. Doch kein solcher ausgemergelter Durchschnitt wie wir! So etwas Stattliches habe ich noch nicht gesehen. Der Mann groß und blond, die Augen offen und klar, die Haltung aufrecht, das Mädchen eine Schönheit, gut proportioniert, ein süßes Gesicht, hellbraune Haut.

»Wir verstehen nicht, daß ihr arbeitet«, sprach der Mann. »Kommt mit uns! Wir wollen, daß alle Menschen glücklich sind.«

Ich blickte um mich: bequeme Möbel, satte Farben, Luxus, Bequemlichkeit. Das Mädchen drückte auf einen Knopf, und auf einer Wand erschienen Bilder: Parkanlagen, Menschen auf sonnigen Bänken, Tanz an einem See, gedeckte Tische, Girlanden, Lampions...

In mir stieg eine unbezähmbare Sehnsucht auf. Ich sah das Mädchen an, und es lächelte mir zu. Ich stieß Cedric in die Seite: »Was meinst du?«

Er wischte sich über die Augen, als müßte er sich mühsam konzentrieren: »Wir werden die anderen fragen.« –

Unser Beschluß war einstimmig. Per Funkspruch kündigten wir unseren Vertrag. Wir verzichteten auf unseren Lohn. Und fuhren los.

 

Sieben Monate lebten wir wie im Paradies. Jeder von uns besaß eine Wohnung mit feudalem Mobiliar und allem Komfort. Wir schlenderten durch die Parkanlagen, plauderten, sonnten uns, badeten, tanzten. Wir sahen dem farbigen Spiel des künstlichen Nordlichts zu, hörten die Musik der automatischen Orchester, weideten uns am Geruch der Duftgärten. Wir aßen, soviel wir wollten, tranken den prickelnden Wein, unterhielten uns mit den Mädchen, von denen eines schöner war als das andere.

Schließlich wurde es langweilig. Ich sehnte mich nach einer Scheibe Roggenbrot, nach einem Gewaltmarsch durch den Kristalldschungel, nach einer durchräucherten, wechselstrombeleuchteten Baracke. Ich konnte diese Menschen nicht mehr sehen, diese Mannequinfiguren mit ihren Puppengesichtern. Tagelang blieb ich zu Hause und dachte an längst vergangene Zeiten.

Eines Tages schlich ich mich zum Raumflughafen, wo das Schiff stand, das uns hergebracht hatte. Es war Nacht – natürlich eine sternenklare Nacht –, von ferne klang Musik. Neben der Silhouette der Rakete bewegte sich ein Schatten. Ich verharrte still... Im Schein eines Feuerwerks, das sie unten abbrannten, erschien ein Mensch. Tom.

Ich rief ihn an. Er zuckte erst zusammen, dann lachte er. Er schlug mit der flachen Hand klatschend auf das Metall des Raumschiffs.

»Wie wäre es mit einem kleinen Ausflug?« fragte er.

Ich verstand sofort: »Einverstanden!«

»Dann warte ein bißchen!« bat er und lief davon.

Nach einer Viertelstunde standen wir alle im Raumschiff. Unser Beschluß war einstimmig. Wir fuhren los.

 

Über uns hingen graue Wolken. In Sternformen entwuchsen sie den Säulen aufsteigenden Aluminiumstaubes. Wo sie Löcher frei ließen, sah ein blauvioletter Himmel durch. Unter unseren vorsichtigen Schritten stäubte das Metallpulver auf. Immer wieder mußten wir den Atem anhalten, um Erstickungsanfällen zu entgehen. Nördlich von uns dehnte sich ein Kristallfeld. Tausend Nadeln stachen ineinander, glänzende Spieße geformter Materie webten ein bizarres Muster. Bei jeder Bewegung sprangen silberne Reflexe von Spitze zu Spitze.

Wir spürten das Arbeiten unserer Muskeln, die Spannung unserer Nerven. Bei jedem Schritt mußten wir aufpassen, nicht in eine der Fallgruben zu geraten. Vor uns lag die Baracke, das Wellblechdach trug eine dicke Staubschicht. Vor uns lag die Plattform. Arbeit, Kampf, Gefahr, ein Ziel. Schon lange waren wir nicht mehr so zufrieden wie jetzt.

 

Dieser Text stammt ursprünglich aus dem vergriffenen Taschenbuch-Band "Der grüne Komet" von Herbert W. Franke und ist hier der letzte Teil einer kleinen Reihe mit diesem Autor. Das Buch ist zum Teil noch antiquarisch erhältlich, zum Beispiel hier. Die Geschichte ist auch in dem Band "Die Zukunftsmaschine" enthalten und kann als Neuauflage bei der mediacomeurope GmbH (mce) über Art Meets Science bezogen werden.

Einige Erläuterungen zu Autor und Anlass finden Sie bei der ersten Folge. Weitere Informationen zu Herbert W. Franke auf seiner eigenen Seite sowie bei Art Meets Science.

Veröffentlicht am: 02.03.2013

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