Zum Film "Die Moskauer Prozesse" von Milo Rau

Hinter Pussy Riot ist noch viel mehr

von Gabriella Lorenz

Philosoph Michail Ryklin im Gespräch mit Regisseur Milo Rau nach der Münchner Voraufführung im Marstall. Foto: Thomas Dashuber

Die fünf Minuten, die sie in der Moskauer Erlöserkirche ein Anti-Putin-Lied sangen, bezahlten zwei Aktivistinnen der Punkband Pussy Riot mit zwei Jahren Straflager. Wegen "Aufwiegelung zu religiösem Hass, Gotteslästerung und Agitation gegen die Nation". Der Schauprozess machte 2012 Skandal. Im Westen weniger beachtet wurden zwei ähnliche Prozesse 2003 und 2006 gegen Ausstellungskuratoren. Die verloren ihren Job und mussten Strafen zahlen. Alle drei Gerichtsverfahren hat der Dokumentar-Regisseur Milo Rau im Oktober 2013 als dreitägige Theaterperformance in Moskau nachgestellt und das mit einem Film dokumentiert. Vor einigen Tagen war offizieller Kinostart in Berlin, nachdem das Münchner Residenztheater eine Vorpremiere organisiert hatte.

Die Doku zeigt, wie drastisch Putins Russland unter dem Deckmantel der Religion kritische Kunst verfolgt. Nach jedem Prozess wurden die Gesetze verschärft. Die Zeugen der Anklage, meist orthodoxe Extremisten, müssen den Stein des Anstoßes gar nicht selbst gesehen haben. Es reicht, wenn sie ihre religiösen Gefühle verletzt sehen. Sie zerstören straffrei Kunstwerke – verurteilt werden die Künstler und Veranstalter. Die Malerin Anna Altschuk wurde 2003 als Sündenbock der Ausstellung „Vorsicht! Religion!“ mit Mord bedroht. Sie brachte sich um.

Ihr Ehemann, der Philosoph Michael Ryklin, erklärte nach einer Voraufführung im Marstall, dass nach dem Zerfall der Sowjet-Ideologie eine neue Scheinreligiosität als Glaubensersatz dient und von Putin instrumentalisiert wird.

Ryklin wirkt im Film mit. Wie andere echte Beteiligte: die Verteidigerin Anna Stavitskaja, die damals freigesprochene Pussy-Riot-Frau Katja Samuzewitsch, ein Priester und  rechtsextreme Geschworene.

Der 37-jährige Schweizer Milo Rau ist Spezialist für Dokumentationen von Völkermord und Radikalismus. Er hat auf der Bühne mit „Hate Radio“ die Aufstachelung zum Genozid in Ruanda inszeniert und das rechtsextreme Gedankengut des schwedischen Massenmörders Anders Breivik verlesen lassen. Für die Moskauer Prozesse holte er die Original-Akteure – sofern sie mitmachen wollten. Der Staatsanwalt wollte nicht: Die Anklage übernahm der Fernseh-Starmoderator Maxim Schewtschenko. Mit eigenen Worten. Denn Milo Rau verließ in dieser Theaterperformance den Doku-Rahmen. Hier verhandelten die Mitwirkenden  mit eigenen Argumenten und urteilten neu. Das Ergebnis: knapper Freispruch für alle. Leider nicht rechtsgültig.

Auch Raus Moskauer Aufführung wurde gestört: Von Passkontrolleuren und einer Kosaken-Miliz. Da plädierte sogar der Scharfmacher Schewtschenko für die Freiheit der Kunst. Alles spannend dokumentiert in diesem Polit-Porträt einer zerrissenen Gesellschaft.

Die Moskauer Prozesse, R & B: Milo Rau, OmU, 84 Minuten; Informationen zum Film finden sind hier. Derzeit läuft der Film in München im Monopol-Kino.

 

Veröffentlicht am: 24.03.2014

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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