Elfriede Jelineks "FaustIn and out" von Johan Simons am Cuvilléstheater

Vom Sinn des Lebens im Fritzl-Keller

von Gabriella Lorenz

Birgit Minichmayr (FaustIn). Foto: Thomas Dashuber

Eine großartige Aufführung. Zwei Stunden konzentriertes Sprechtheater, bravourös zelebriert von Birgit Minichmayr und Oliver Nägele. Beide wurden  im Cuvilliéstheater mit langem Applaus gefeiert, ebenso wie der  Regisseur Johan Simons. Aber auch ein Brocken, an dem man würgt. Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek arbeitet in „FaustIn and out“ ihre feministische Erregungs- und Schreibwut an dem monströsen Missbrauchsfall Fritzl ab, der 2008 aus einem Kellerverlies ans Tageslicht kam. Und sucht Parallelen zu Goethes „Faust“,  dessen Resi-Inszenierung von Martin Kusej als Spielplan-Schwerpunkt derzeit viele „Faust“-bezogene Produktionen flankieren.

FaustIn nennt Jelinek die Figur der Tochter, die 24 Jahre lang in einem Keller von Josef Fritzl gefangen gehalten wurde. Sieben Kinder hat sie geboren. Ein Baby starb und wurde vom Vater  im Ofen verheizt. Da findet Jelinek die Entsprechung zu Gretchens Verzweiflung über ihren Kindsmord und konstruiert daraus am Schluss eine pathetische Paraphrase auf Gretchens Wahnsinnsszene. Der allmächtige, gottähnliche Vater erscheint ihr als Erlöser, tritt in ihren Kerker und raunt „Rette Dich!“ Da begegnen sich beide zum ersten und einzigen  Mal nach langen abwechselnden Monologen auf der Bühne – aber es führt nirgendwo hin.

Hart setzt die Bühnenbildnerin Muriel Gerstner eine düstere Backsteinwand in das barocke Cuvilliés-Bühnenportal. Auf halber Höhe zwei leicht schiefstehende Fenster mit klassizistischen Friesen: Eingänge zur Hölle. In diesen schwarzen Gefängnis-Löchern sitzt rechts eine Art Puppe – ihr Kleid (Kostüme: Anja Rabes)  ähnelt dem der Infantin auf Velázquez‘ Gemälde „Las Meninas“. Links regiert der Vater, der böse Geist – bei Jelinek GeistIn genannt und hier erstmals seit der Uraufführung 2012 von einem Mann gespielt. Was zwingend erscheint: Massig taucht Oliver Nägele aus dem Dunkel auf und doziert über das Führen von Weibern. Die Puppenfrau bleibt lange unbeweglich.

Birgit Minichmayrs erste Worte sind mühsam und abgehackt, sie hat das Sprechen fast verlernt. Später richtet sie sich qualvoll auf,  kann im Reifrock kaum stehen, hält sich verkrampft am Fenstersturz fest: verkrüppelt durch Bewegungsunfähigkeit im niedrigen Gefängnis.

Sie, die gebrochene FaustIn, fragt nach Gott und dem Sinn ihres Lebens, oszilliert zwischen Abscheu vor dem Vergewaltiger und Kerkermeister sowie dessen Vergötterung: Er ist ja der Vater,  der sie und ihre Kinder ernährt. Er nährt dadurch seine Allmachtsfantasien, die ihn gefangen halten: Die Tochter als Zweitfrau zur ständigen sexuellen Verfügung – das ist die Rolle einer Frau. Und der Mann erklärt sich zu Gott.

Kammerspiele-Intendant Johan Simons, der mit Resi-Chef Kusej einen Regie-Austausch vereinbart hat (Kusej inszeniert in der nächsten Spielzeit an den Kammerspielen), hat Jelineks riesige Textflächen, die auch noch den Fall einer wegen einer Banalität entlassenen Supermarkt-Kassiererin einbeziehen, konzentriert auf den familiären Missbrauch und so zugespitzt auf das Mann-Frau-Verhältnis. Jelineks Text brüstet sich mit „Urfaust“-Zitaten, die aber die Gleichsetzung mit der Bühnensituation nicht wirklich rechtfertigen. Auch Paul Celans „Todesfuge“ („Dein goldenes Haar Margarete“) oder Rilke („Wer wenn ich schrie“) sollen transzendieren, wirken aber nur bildungsbeflissen. Zum Leben erwecken diesen disparaten Text hier die fabelhaften Schauspieler in der mutig formstrengen Regie von Johan Simons.

Cuvilliéstheater, 4., 12., 16. Juli 2014, 20 Uhr, Telefon 2185 1940

Veröffentlicht am: 02.07.2014

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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