Jan Zehrfeld von Panzerballett im Interview

"Es soll mit dem Vorschlaghammer das Gehirn einer Fliege transplantiert werden"

von Clara Fiedler

Jan Zehrfeld

Der Gitarrist, Komponist und Arrangeur Jan Zehrfeld ist der Kopf der Münchner Jazz-Metal-Institution "Panzerballett", mit der er die Ergebnisse seiner "Krässeforschung" seit 2004 öffentlich zugänglich macht. Ein Gespräch über Grenzgang, "unmündige" Hörer und die hohe Kunst, die "Checkung zu checken".

Jan, erkläre mal Panzerballett für Opern- und Galeriepublikum und sonstige Anfänger?

Zunächst mal anspruchsvoll, keine leichte Kost. Man muss sich überhaupt erst einhören. Es gibt eine bestimmte Randgruppe, die es sofort versteht, an den richtigen Stellen klatscht und abgeht. Ich nenne das die „mündige Hörerschaft“. Diese Mündigkeit müssen die sich entweder erarbeiten, oder sie finden es sofort toll. Das ist eher selten, aber die haben oft einen musikalischen Background. Du brauchst ein bestimmtes erlangtes Gehör, um unterscheiden zu können zwischen Zufallsrhythmen und –tönen und einer wohlgeordneten Struktur. Wobei ich die Kunst darin sehe, es so hinzukriegen, dass es sofort von allen verstanden wird, es aber trotzdem noch wahnsinnig anspruchsvoll ist. Für mich ist das eine riesengroße Herausforderung. Ich möchte versuchen, mehr Leute zu erreichen, aber das ist nicht so einfach. Man will sich ja vom Mainstream abheben, aber trotzdem die Chance bekommen, dass er einem zuhört. (...) Es geht um komplexe Musik und um das Verhältnis des gemeinen Hörers zu komplexer Musik im Speziellen. Wir sind auch auf jeden Fall sehr laut, es ist eine echte Heavy-Metal-Attitüde. Die Lautstärke muss sein, das ist ein Teil des Konzepts. (...) Es soll auch ein bisschen provozieren, es ist unangepasst, gegen den Strom geschwommen.

Man muss eine gewisse Offenheit für Experimentelles haben. Ansonsten ist es auch ein bisschen hinterfotzig. Wir machen Coverversionen. Dadurch, dass die Titel genannt sind, wird die Neugierde geweckt. Man hört sich das an, es fängt vielleicht so an, wie man es kennt, wird dann aber total durch den Kakao gezogen. Die Melodie ist oft gleich, alles Andere ist anders. Es ist ein Augenzwinkern dabei, man braucht einen gewissen Humor, um das überhaupt zu packen.  Es wird versucht, authentisch im Jazz-Fusion-Konzext zu sein, aber auch authentisch in dieser Wucht. Wir drehen nicht einfach den Verstärker auf, machen kurz Bumm-tschak und sagen dann, wir sind jetzt Metal. Das ganze Instrumentale und die Attitüde ist auf "Voll-in-die-Fresse" ausgelegt. Es muss wehtun.

Was bedeutet dein Spruch "Gecheckt gebangt ist doppelt gekrasst"?

Das ist eine Art Leitspruch. Headbangen gehört zum Hard Rock oder Heavy Metal. (...) Es ist eine Art, gewaltsam zu grooven. Da ist der Knackpunkt. Diese Gewalt soll einen Bezug zur rechten Hirnhälfte bekommen. Es soll nicht nur brachial sein, sondern es soll quasi mit dem Vorschlaghammer das Hirn einer Fliege transplantiert werden. So genau müsste man im Idealfall arbeiten können. Da bedarf es einer sehr genauen Überlegung – also einer "Checkung". (...) Es ist einfach noch viel krasser, wenn du es auf diese Weise machst.

Am 1. November erscheint eure DVD. Beschreibe doch mal, was es wird und worauf wir uns einstellen können?

(...) Wir haben uns  sehr spontan dazu entschieden, das Konzert im Theatron aufzuzeichnen. Ursprünglich wollten wir das Konzert im Münchner Backstage letztes Jahr nehmen. Wir haben gesagt, okay, wir sind fast drei Wochen auf Tour und gut eingespielt, dann kommen die Kameras und wir zeichnen es auf. Dann war dieser Abend gekommen und es sind mehrere Pannen passiert. Einmal eine Booking-Panne, dass die Halle nicht mehr frei war (...). Wir sind in den Club gegangen, aber da ist mieser Sound und die Bühne war zu klein. Dann sind auch noch einige Fehler beim Aufnehmen passiert. Von dem, was übrig blieb, war gar nicht mehr so viel übrig. Zeitgleich kam ungefähr der Gig im Theatron rein. Seit acht Jahren versuche ich, da reinzukommen. (...) Die, die einen da reinbuchen konnten, haben immer alle gesagt: „Leute, geht doch zum Jazz.“ Aber es gibt nur einen Tag für Jazz, und die sagen dann: „Seid ihr verrückt, das ist doch kein Jazz!“. (...) Die guten Aufnahmen aus dem Backstage haben wir in den Bonus-Teil reingenommen. Dann gibt es noch einen Mitschnitt aus Berlin, ein paar Schmankerl wie ein Gespräch mit Mattias Eklundh. Gerade haben wir ein Musikvideo ("The Ikea Trauma", Anm. d. Red.) mit ihm gemacht, für die Tour mit Freak Kitchen. Mattias ist für uns ein Mentor, weil er in der Szene, die für uns interessant ist schon lange drin ist und uns sozusagen pusht. In den USA habe ich ein bisschen mitgefilmt und eine kleine Doku zusammengeschnitten, für den Fan, der schon seit sieben Jahren auf die DVD wartet. Die letzte ist schon längst vergriffen. Die Band klingt mittlerweile ganz anders, und es ist gar nicht mehr repräsentativ. (...) Es wurde Zeit für diese DVD.

Wolltest Du einen Auftritt aus München, weil es sowas wie eine Hommage an euer "Wohnzimmer" ist?

Ja, total! In München haben wir angefangen, wie jedes Projekt und auch jede Totgeburt. (...) Man muss immer zuhause anfangen. Es hat auch ein paar Jahre gedauert, bis wir überhaupt aus München so richtig rauskamen. Jetzt sind wir gerade kurz davor, längere Zeit auch mal aus Deutschland rauszukommen, weil in Deutschland die Sättigung jetzt erreicht ist. Ich glaube, es werden nicht mehr viel mehr Leute werden. Der nächste Schritt ist, dass es mal so rüberschwappt. Es ist immer noch so, dass 50 Prozent der Fans aus Deutschland sind, und ein Großteil davon aus München. (...)

Man wirft ja der Münchner Musikszene vor, langweilig zu sein...

Das kann sein. Wenn wir in Hamburg, Köln oder Berlin angefangen hätten, wären es vielleicht auch da mehr Konzertbesucher als anderswo. Der Heimvorteil ist da, ob es nun die Stadt der eingeschlafenen Füße ist oder nicht. Aus München kommt meines Erachtens nicht sehr viel Spannendes, leider. Wir wundern uns selber darüber. (...) Ich glaube, es gibt nur drei Bands, die es seit Jahren gibt und die sich in dem Genre ernstzunehmend etabliert haben. Zwei davon sind aus München.

Du benutzt immer wieder Begriffe wie "Verkrassung", "Krässe" und so weiter. Was ist deine Beziehung zur Krassheit?

Mittlerweile gibt es so ein Überangebot an Durchschnitt. Es widert mich an. Deswegen möchte ich dazu einen Kontrast setzen und sagen: "Nein, wir spielen nicht das, was euch gefällt". Es geht nicht um „ja nicht zu laut“, „ja nicht zu kompliziert“, um "immer schön dufte mitschunkeln" und so weiter. Nein, das ist mir zu langweilig. Ich möchte dagegen rebellieren und ein Statement setzen, und deswegen muss es „krass“ sein. Warum bin ich Musiker geworden? Eigentlich wegen der E-Gitarre, und weil es ein Schlüsselerlebnis gab, das war auch krass, weil es war laut. Krass laut. Und das fand ich so toll! Das muss sein, irgendwie. Als ich zum ersten Mal so laute Musik live gehört habe, da dachte ich, das schiebt an, das macht Spaß. Und wenn dann zu dem laut-krass auch noch musikalisch-komplex-krass kommt, dann ist das ein Ort, wo es der Durchschnittshörer nicht lange aushält. Ich möchte gern die Türen schließen und verriegeln, so dass die drinbleiben müssen. So lange, bis sie es auch toll finden. Am liebsten würde ich das so machen, aber das geht natürlich nicht. Es kann mir auch nicht krass genug sein.

Jan Zehrfeld (2.v.l.) mit Panzerballett. Foto: Chris Rogl

 

Kommt die Krassheit zurück? Also, ist dein Publikum auch krass?

Krass kann man auf Vieles beziehen. So wie Reinhold Messner gesagt hat, er ist Grenzgänger und bewegt sich regelmäßig an die Grenze zwischen dem gerade noch Machbaren und gerade nicht mehr Machbaren. Das ist krass im Sinne von extrem. Auf den Bandkontext übertragen: Was ist spielbar? Was kann ich abziehen? Mit einer Band, die aus so wahnsinnig guten Leuten besteht, die ich aber so wahnsinnig schlecht bezahlen muss, dafür, was die können... das ist auch krass. Die müssen von der Musik leben, müssen aber eine bestimmte Zeit dafür investieren, damit die Musik überhaupt existieren kann. Es gibt aber eigentlich nicht wirklich genug Geld.  Es ist das Ausreizen des persönlichen Idealismus jedes Einzelnen. Was kann ich noch ab, was geht noch? Wir müssen uns organisieren, proben, es gibt Leute, die wohnen in Österreich. Man hat eine Band mit Leuten, die da erst mal drei Stunden hinfahren müssen. Und man probt, aber teilweise nur vier Mal im Jahr für 30 Gigs. Das muss man aber trotzdem irgendwie stemmen.

Wie macht ihr das?

Das weiß ich auch nicht. Wir müssen halt viel daheim üben. Und dann treffen wir uns zum Feinschliff. (...) Das ist die Herausforderung, die Krassheit zu überstehen. Zurück zum Publikum: Das war in den Anfangszeiten, da haben wir uns noch durch gewisse Bars im Münchner Umland gespielt. Wir haben versucht zu spielen, wo es geht. Egal, was die zahlen. Einmal haben wir in Laufen gespielt, bei Salzburg. Da war hinter der Bühne nochmal ein Bereich, der höher war als die Bühne. Da konnte man durchschauen, und dahinter war ein Billardtisch, oder ein Kicker. Da war auch die Dorfjugend anwesend, die das Konzert nicht interessiert hat, die haben gekickert, während wir gespielt haben. Die waren auch sehr angetrunken, und irgendwann gegen Ende haben die angefangen zu schlägern. Zwei sind dann sozusagen runter ins Schlagzeug gefallen. Das Konzert war beendet. (...) Was auch krass war, war, dass wir in der Leipziger Oper gespielt haben, wo Leute drinsitzen, die sowas überhaupt nicht erwarten. Natürlich polarisiert das, und es geht erst mal ein Drittel raus. Aber die Oper ist ein Wahnsinns-Ding. Mit so einem Sound da überhaupt reinzukommen, war ein krasses Erlebnis. Wenn du die Leute einzeln anschaust, sind sie nicht krass, aber wenn du anschaust, wie unterschiedlich die Leute sind, die da kommen, dann ist diese Tatsache krass. Es kommt sowohl der alternde Hippie mit grauem Rauschebart und abgeranster Wildlederjacke, Zappa-Fan. Der kommt und findet es toll. Dann gibt es so junge Absolventen von Musikausbildungsstätten, die meine Diplomarbeit über Meshuggah gelesen haben, auf Youtube ein Video reingestellt haben, wo sie uns nachspielen – totaler Kontrast dazu. Dann gibt es so Maschinenbau- und Elektrotechnik-Studenten und Informatiker, so Ober-Nerds, die aber einen Bezug zur Technik haben. Zehn Prozent Frauenanteil... das wundert mich nicht.

Warum nicht?

Weil Mädels spielen mit Barbiepuppen und Jungs mit Playmobil. Wir sind die Playmobils. Wenn Frauen kommen, dann sind es die Mädels, die Playmobil spielen. Das sind aber andere Arten von Mädels. (...). In einzelnen Städten kommen dann wieder so ein paar total heftig aufgebrezelte Mädels daher, die noch nie da waren, und finden es auch toll. Und die sind dann neben diesen ganzen Nerds. Das findet man nicht so oft. Eine so hohe Diversität. (...) Das ist krass schön. Aber auch krass.

Ist es das Suchen nach einem Extrem, oder der Ausdruck des Extremen in dir?

Schwer zu sagen. Einerseits ist es die Begeisterung für Sachen, die, wie sich herausgestellt hat, gar nicht so viele Leute begeistern. (...) Aber irgendwie habe ich es geschafft, davon begeistert zu sein. Ich habe mich interessiert und mich reingehört in Sachen, die für mich am Anfang furchtbar dissonant waren. Jazz war auch am Anfang schwierig, das habe ich nicht verstanden. Aber ich habe mich damit beschäftigt und der Funke ist übergesprungen. Ich bin ein sehr verkopfter Typ, das ist mein Ausdruck. Ich bin ein angespannter Kopfmensch und kontrollsüchtig. Ich fühle mich aber in diesem Feld relativ allein, und das finde ich schade. (...). Mein Vater hat immer gesagt, man muss versuchen sich selbst zu steigern und nach vorne zu gehen. Er ist Forscher, und es hat mich immer begeistert, was er macht. Ich betreibe eher Groove- und Krässeforschung, aber ich bin auf der Suche nach etwas. Ich weiß genau, man kann da immer weiter experimentieren (...), und das macht Spaß. Es gibt so viele Leute, die immer wieder zum hunderttausendsten Mal irgendwas toll finden. Ich habe, als ich jung war, und das Geld brauchte immer wieder auf Hochzeiten und Galas gespielt, und die Leute finden „I will survive“ immer wieder gleich toll. Und man selber kann schon nicht mehr. Man sieht das mit einem gewissen Fatalismus. Wenn man denselben Leuten irgendwas Neues, Tolles vorspielt, finden die das total schrecklich. Ich habe dafür kein Verständnis. Diese Leute sind "unmündige" Hörer. Und die müssen aus ihrer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ ausbrechen.

Wie gehst Du beim Komponieren vor?

Es ist auf jeden Fall so, dass die bei der klassischen Jazzband oft ein Thema nur als Vorwand haben, um zu improvisieren, und der Improvisationsteil ist 98 Prozent. Die Spanne zwischen „total furchtbar“ und „total geil“ ist noch viel größer bei einem Jazzkonzert. Ich bin Kontrollfreak, ich will nicht zu viel der Anarchie überlassen. Auch die Anarchie muss nach gewissen diktatorisch-demokratischen Prinzipien aufgebaut sein. (...) Ich mache das alles am Computer, und ich überlasse da nichts dem Zufall. Es ist alles schon genau ausarrangiert. Viele Details sind schon festgelegt, und die Details sind auch wirklich wichtig. (...) Musik ist ja generell wie eine Matrix, die ineinandergreift auf rhythmischer und harmonischer Ebene. Es ist wie ein HD-Bild, wo du einen Bildschirm mit wahnsinnig hoher Auflösung brauchst. Diese Auflösung ist die technische Fertigkeit der Musiker. Es wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass so ein HD-Bild entsteht. Da ist auch die Raumakustik sehr wichtig. Wenn wir in einem Raum spielen, in dem die Akustik grottenschlecht ist, kannst du die ganze Komposition vergessen. Das hat uns tatsächlich auch ein Münchner Veranstalter mal zugemutet. Es war, wie wenn man das HD-Bild durch eine Milchglasscheibe anschauen muss. Was bringt dir dann der hochauflösende Bildschirm? (...)

Rhythmische Gebilde, die zum Notieren ewig dauern würden, mache ich auf dem Computer. Weil sonst müsstest du das ja ausnotieren und dann üben, um dann unter Umständen festzustellen, dass das überhaupt total scheiße klingt. (...) Manchmal habe ich dann computerbasiert ein Stück komponiert und kann es noch nicht mal im Ansatz spielen. Plötzlich hat man was Neues geschaffen, was man selber noch nicht gehört hat und noch nicht kennt. Die ersten Ideen sind ja Dinge, die du eh schon hörst und die du dir aus deinem Wortschatz zusammenreimst. Ich verwende aber auch das, was ich an Kompositionstechnik im Studium gelernt habe. (...)

Du bist auch irgendwie ein Sprachakrobat. Zumindest deine Metaphern sind - ich kann es nicht anders sagen - krass.

(lacht) Vielen Dank! Ich habe das aber nie gezielt ausgebaut. Ich bin so, anders kann ich mich nicht ausdrücken. Ich lege massiven Wert auf Rechtschreibung in jeder SMS. Ich bin da ein totaler Nerd, das ist ganz schlimm. Ich kann keine SMS abschicken, die irgendeinen Fehler drin hat, und wenn, dann sterbe ich 1000 Tode. Das ist mir dann sehr, sehr peinlich. Da kommt es mir sehr auf die Form an, genauso wie bei Noten. (...) Da gehört ein gewisser Wille zur Bildung oder zu geistiger Etikette dazu. So wie Andere sich nicht ungeschminkt vor die Tür wagen oder der Anzug sitzen muss, ist es bei mir die Rechtschreibung. Ich formuliere gerne. Das Lustige ist, dass ich auch gleichzeitig viel improvisiere und dass da auch viel Schmarrn rauskommt, aber die Formulierungen in sich sind immer überlegt. (...)

Die DVD von Panzerballett mit dem Open-air-Konzert im Münchner Theatron erscheint am 1.11.2013. Zu hören ist das Quintett um Jan Zehrfeld am 20.12.2013 im Backstage-Club. Von dort stammt auch die jüngste Kritik über die Band im Kulturvollzug.

Veröffentlicht am: 26.10.2013

Über den Autor

Clara Fiedler

Redakteurin

Clara Fiedler ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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