Zum Tod von Al Porcino

Minor Swing für eine Legende

von Clara Fiedler

"Kreuzritter des Swing" - Der Trompeter Al Porcino. Foto: Jazzclub Unterfahrt

„Er war ein Bindeglied zu einer Epoche, zu einer Zeit, aus der die Meisten schon gestorben sind, also der Swing-Ära. Dafür war er repräsentativ, weil er mit all denen gespielt hat. All denen, die Rang und Namen hatten.“ Es sind Namen wie Frank Sinatra, Count Basie und später Charlie Parker, Woody Herman und Dizzy Gillespie, auf die ein Münchner Saxophonist in diesen Sätzen anspielt. Wie so viele Spitzenmusiker der hiesigen Jazzszene war er jahrzehntelang Mitglied in der Bigband des New Yorker Trompeters Al Porcino. Porcino, der seit 1977 in München lebte, verstarb in der Nacht des 31. Dezembers 2013. Ein Nachruf.

Geboren wurde Al Porcino 1925 in New York City. Ein Engagement im Orchester von Louis Prima wurde zum Beginn seiner Karriere. Die Namen der Mitmusiker, die darauf folgten, lesen sich wie ein Lexikon der goldenen Zeit der Jazzgeschichte. Tommy Dorsey, Peggy Lee, Judy Garland, und so viele mehr. Er war der erste weiße Musiker bei Count Basie. In einem Interview mit dem Jazzpodium erinnert er sich an ihn er sich an ihn als einen "netten Menschen" erinnert. Der Saxophonist Al Cohn spielte eine seiner letzten Platten als Feature mit Porcinos Bigband ein (Al Cohn Meets Al Porcino, 1987).

Nachdem er München mit Thad Jones und Mel Lewis bereits Ende der 60er Jahre einen längeren Besuch abgestattet hatte, wurde die Stadt ein paar Jahre später seine Wahlheimat. In einem Interview mit dem amerikanischen Radiosender Kaboo beschrieb er sie als „eine schöne Stadt. Sauber, sicher, zivilisiert und das ganze andere Zeug, das New York nicht ist“.

Damals begann die verspätete Swing-Ära in München, die die hiesige Szene und deren Mitglieder bis heute stark geprägt hat. "Er hatte immer die angesagten Leute in seiner Band", erinnert sich Thomas Faist, von dem auch obiges Zitat stammt. Guido May, einer von Porcinos Schlagzeugern: „Es gab Auditions, alle Schlagzeuger der Stadt waren eingeladen. (...) Ich hab das berühmte Al Porcino-Buch – alles handgeschriebene Charts – kopiert und nichts anderes mehr gemacht als geübt.“

Nach seinem Tod passiert das Andenken der Musiker passiert scheinbar still und eingeschworen. Auf einem Konzert Anfang Januar widmet Thomas Faist seinem langjährigen Freund ein Stück mit dem Titel „So Long“. Zu deutsch: „Mach’s gut!“ Einer der Zuhörer, Peter Tuscher, selbst Trompeter bei Porcino murmelt „Die da oben haben schon auf einen guten Lead-Trompeter gewartet“, und nickt gen Himmel. Sängerin Nina Michelle lässt betrübt den Kopf hängen, als das Thema bei einer Jamsession angeschnitten wird. Kleine Gesten für das Große, das in den vielen Künstlern vorgeht, für die Al Porcino in seiner Münchner Zeit Mentor und Lehrer war.

"Er hat sein gelebtes Leben an uns Junge weitergegeben. Das hat er auf jeden Fall geschafft", sagt Guido May bei einem kurzen Gespräch in der Jazzbar Vogler. Dann erzählt er, wie ihm das Wasser aus den Augen lief, als er zum ersten Mal mit der Al Porcino Bigband Bert Joris' "Lucky Thirds" spielen durfte. Kein Musiker, der nicht von den Arrangements von Neal Hefti, Gerry Mulligan und Al Cohn schwärmt, die bei Porcino auf den Notenpulten lagen und unter Anweisung des High-Note-Spezialisten stilecht interpretiert wurden. Bis Mitte 2013 gab es die Al Porcino Bigband in der Unterfahrt zu hören, regelmäßig wie ein Herzschlag. Herz - das war es wohl auch, was ihn neben Humor und musikalischem Können auszeichnete. "Bei Al war das eine spezielle Atmosphäre.  (...) Es gab viel zu lachen. Es war auf der einen Seite professionell, auf der anderen Seite hatte es einen ganz anderen Spirit, als ich ihn von anderen Bigbands kannte, wo man manchmal das Gefühl hatte, man ist auf dem Kasernenhof", beschreibt Thomas Faist die Stimmung in der Band.

„Als Person – absolute Legende“, pflichtet Guido May unabhängig davon bei. Und fügt hinzu: „Wenn du mit all den Leuten gespielt hast, bist du ein Jazzdinosaurier“. Unvergessen auch die Geschichte, die KV-Redaktionskollege Michael Wüst zum Besten gab, in der ein angefressener Al Porcino nach einem Konzert im damaligen Schwabinger  Domicile seinem Publikum "Good Night and good Fahrt" wünschte.

Der Anlass ist nicht zum Lachen, aber wenn ein Name fällt und die Erinnerung allen Beteiligten ein Lächeln in Gesichter und Herzen zaubert, ist das ein Erbe, auf das man stolz sein kann.

Veröffentlicht am: 25.01.2014

Über den Autor

Clara Fiedler

Redakteurin

Clara Fiedler ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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