Enders Dome in der Haidhauser St.-Elisabeth-Kirche

Groovetaufe für den Gekreuzigten

von Clara Fiedler

Der Saxophonist Johannes Enders. Foto: privat

Johannes Enders, Andy Lutter und Peter Tuscher. Drei große Namen der Münchner Jazzszene. Zusammen mit dem Schweizer Percussionisten Gregor Hilbe bescherten sie kürzlich der Kirche St. Elisabeth im Haidhauser Franzosenviertel als "Enders Dome" ihr erstes Jazzkonzert. Ein virtuoses Plädoyer für Groove im sakralen Raum. 

Die Kirche fühlt sich trotz ihrer modernen Architektur etwas seltsam an. Es gibt kein Gemurmel, kein angeregtes Unterhalten, keine Pausenmusik wie im Jazzclub. Der Ein oder Andere geht vor dem Altar auf die Knie und bekreuzigt sich, bevor er Platz nimmt, niemand zieht die Jacke aus, denn es ist kalt. Lutter sagt, es werde keine Ansagen geben, sie würden das Programm einfach durchspielen. Daraufhin zieht sich die Band auf die Empore zurück. Das Licht ist zu hell, man schließt die Augen und versucht, sich nicht zurückzulehnen. Die Lehne der Holzbank drückt einem sonst in den Rücken.

Gleichmäßige, tiefe Trommelschläge von Gregor Hilbe. Nur zwei davon, oder drei, und all die sakrale Beklommenheit verschwindet aus der Wahrnehmung. Es sind Klänge, die zu einem  sprechen, vom ersten Augenblick an, indem sie in das Bewusstsein dringen. Organist Andy Lutter öffnet den inneren Blick auf einen stillen Ozean, aus dem wenige Sekunden später Enders' Saxofon taucht.

Es ist moderner, sphärischer Jazz, der einen entführt. Klänge, die auf Stimmung ausgelegt sind, die es einem wie jede gute Musik nicht erlauben, sich hinter ihnen zu verstecken. Alles ist so klar und so diffus zugleich. Tuschers Flügelhorn ist wie ein goldener Komet, der über einen makellos tiefblauen Himmel zieht. Wenn es groovt, ist es lebensfroh, sprühend, ausgelassen. Es ist die ganze Farbpalette musikalischen Ausdrucks. Jedenfalls scheint sie in diesen Momenten komplett zu sein Da wird mit einem Montuno eingeleitet, Saxophon und Trompete klingen mal nach Jazz Messengers, mal nach Brecker Brothers, bevor sie wieder zu den vollkommen individuellen Stimmen der beiden Agierenden werden.

Andy Lutter entlockte der Kirchenorgel nie gehörte Klänge. Foto: privat

Dann wieder wird man mit einer elektronischen Fläche konfrontiert, die berückend ist in ihrer Intensivität. Sie drängt, drängt so sehnsüchtig nach Auflösung, wird aber gehalten bis zur Beklemmung. Ein kleines Mädchen aus dem Publikum hustet in die akustische Szene. Man ist fast erleichtert über dieses Geräusch. Peter Tuscher, ein Urgestein der Münchner Jazzszene, beweist um ein weiteres Mal seine mühelose Meisterschaft. Von groteskem Schreien bis beflissenem Flüstern entlockt er der Trompete jedes Geräusch, jede Farbe, jede Emotion. Er ist der Klangkontrapunkt, der sich nicht in die Fläche einfügt, sondern nach vorne, nach oben drängt, immer strahlt, egal vor welchem Hintergrund. Lutter und Enders hingegen sind immer verwoben miteinander. Entweder bilden sie eine Einheit, oder sie ergänzen sich.

Und das alles genießt man im Angesicht des Jesus, der in der Misslage des Gekreuzigten an der gegenüberliegenden Wand hängt, auf den ersten Blick stoisch sterbend, als würde das alles gar nicht passieren. Aber je länger man ihn ansieht, desto mehr fügt er sich ein bisschen in die Lithurgie der Lebendigkeit, die da oben auf der Empore zelebriert wird und er erhält eine Groovetaufe vom Feinsten.

Es ist ein ungewöhnlicher Abend. Nicht nur wegen der herausragenden Musik. Sondern eben wegen der Räumlichkeit. Der Gedanke hat etwas für sich, dass hinter der Wahl der Lokalität ein Statement steckt. Nämlich der Appell, der Musik und ihren Akteueren einen Raum der Stille zuzugestehen, wo man zuhört, sich einlässt, möglicherweise auch bereit ist, konfrontiert zu werden.

 

 

 

Veröffentlicht am: 19.11.2013

Über den Autor

Clara Fiedler

Redakteurin

Clara Fiedler ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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