Kinokritik: „Der Schnee am Kilimandscharo“

Im Prinzip solidarisch

von Gabriele Müller

Der Himmel ist blau und die Welt noch in Ordnung: Michel (Jean-Pierre Darroussin) und Marie-Claire (Ariane Ascaride), Foto: Arsenal

Die Sonne scheint, das Meer ist blau, die Frachter ziehen vorbei – und zwanzig Männer verlieren ihren Job. Das Sozialdrama „Der Schnee am Kilimandscharo“ des französischen Filmemachers Robert Guédiguian ist ein Metaxa fürs Gemüt.

„Ist gar nicht so einfach, mit einem Helden verheiratet zu sein“, sagt Marie-Claire (Ariane Ascaride). Michel, ihr Mann (Jean-Pierre Darroussin), Hafenarbeiter in einer Marseiller Werft und gewählter Gewerkschaftsvertreter, hat per Losverfahren mehrere Kollegen gefeuert und sich selbst gleich dazu – aus Solidarität, denn sein Name hätte gar nicht auf einem der Zettel stehen müssen.

Bewölkter Himmel, bedeckte Stimmung: Raoul (Gérard Meylan, m.), Michel (Jean-Pierre Darroussin, r.) und ihr Kollege müssen Arbeiter entlassen, Foto: Arsenal

Michel und seine Frau sind einander in respektvoller Liebe verbunden, haben ein hübsches Zuhause, nehmen die Kündigung mit Gelassenheit und feiern ihren 30. Hochzeitstag mit einer großen Party. Alle Entlassenen sind eingeladen, die Freunde, die Kinder, die Enkelkinder. Die Gäste singen den Schlager aus den 60ern „Les neiges du Kilimandjaro“ und schenken dem Paar eine Schatzkiste, in der sich Flugtickets und Bargeld für eine Reise nach Afrika zum Kilimandscharo befinden. Michel macht Marie Claire eine Liebeserklärung, die auch erklärte Gegner von „Ich liebe dich“ schön finden dürfen. Und Raoul, sein Arbeitskollege und der Mann von Marie-Claires Schwester, überreicht ihm einen Comic. Das Heft hatte einst Michel gehört, und er habe es zufällig in einem Antiquariat entdeckt, sagt Raoul.

Ein paar Tage später treffen sich die beiden Ehepaare zu Hause zum Kartenspielen. Und werden überfallen. Zwei maskierte Täter fordern die Schatzkiste und Ersparnisse. Einer von ihnen nimmt den Comic mit. Die beiden Männer und ihre Frauen lassen sie gefesselt zurück.

Kurz darauf sitzt Michel im Bus zwei Schuljungen gegenüber – sie lesen seinen Comic. Er geht ihnen hinterher und muss feststellen, dass ein Kollege, der ebenfalls entlassen wurde, an dem Überfall beteiligt war: Christophe (Grégoire Leprince-Ringuet), er war auf der Party, Michel kannte nicht einmal seinen Namen. Christophe ist 22 Jahre alt, hat zwei jüngere Brüder und eine Mutter, die vor einiger Zeit auf und davon ist. Eine Abfindung wie Michel hat er nicht bekommen. Christophe kümmert sich liebevoll um seine Brüder.

Michel informiert die Polizei. Christophe wird verhaftet. Als er im Verhörraum mit dem jungen Mann redet, lässt Michel sich von ihm provozieren und schlägt ihn. „Er hatte Handschellen“, sagt seine Frau, die niemals damit gerechnet hätte, dass ihr Mann gewalttätig werden würde. Als er von der privaten Misere Christophes erfährt, zieht Michel seine Anzeige zurück. Doch das Verfahren ist bereits eingeleitet.

Der Überfall hat das Verhältnis zwischen Michel und seiner Frau verändert: Sie enttäuschen sich gegenseitig, sind wütend, wollen verstehen, haben Geheimnisse voreinander und treffen – jeder für sich – ihre Entscheidungen. Dass sie dank Christophes Brüder wieder zueinander finden, mag sentimental und märchenhaft erscheinen, sagt aber nur aus, dass Solidarität nicht allein in den Köpfen stattfindet, sondern auch in den Herzen.

Inszeniert ist dieses Drama keinesfalls in existenzialistischen Grautönen, sondern farbenfroh, weil die Sonne eben auch scheint, wenn das Leben ungerecht ist. Die jungen Frauen tragen luftige Kleider. Der Kellner kennt Drinks für Liebeskummer und Drinks für Lebenskummer. Es wird gefeiert, gelacht – geliebt und gezweifelt.

"Marius und Jeanette" (1997) ist der in Deutschland bekannteste Film des in Marseille geborenen Regisseurs Robert Guédiguian, Foto: Arsenal

Eingepackt in diese mediterrane Heiterkeit präsentiert sich die Frage, ob Gerechtigkeit fair sein kann, wenn man sie den Betroffenen nicht entsprechend vermittelt. Oder ob Gerechtigkeit bisweilen nicht nur ein eitles Konstrukt ist – selbst wenn sie von einem Gewerkschaftler kommt. Er habe nie mit ihm geredet, ihn gar nicht gesehen, vielleicht hätte man auch zuerst die Doppelverdiener entlassen können statt einen wie ihn, wirft Christophe Michel vor. „Wenn er wirklich was für mich tun will, kann er ja zu mir gehen, die Fische füttern und die Blumen gießen.“ Christophe sagt nicht du zu Michel, er sagt er – und redet über ihn hinweg. So wie man über ihn hinweg entschieden hat.

Und deshalb sitzen jetzt zwei Jungs allein zu Hause, weil der Bruder im Knast ist und die Mutter sich nicht kümmern mag – eine Frau, die sagt: „Ich war nie eine Mutter, ich werde nie eine Mutter sein, Mütter werden nicht gebumst.“

In diesem lakonisch-warmherzigen Film geht es viel um Gefühle, aber auch um Selbstverantwortung und darum, ob man über alles vorher reden muss. Ein Plädoyer für Freundschaft und Familie, aber keine alberne Mann-Frau-Schmonzette: Die Frauen sind klug, die Männer sind klug, alle machen Fehler, alle sind ziemlich nett ­– doch die Männer stehen am Grill und die Frauen wackeln hübsch mit dem Po.

Veröffentlicht am: 12.04.2012

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Caren Kamp
13.04.2012 11:19 Uhr

Schnee am Kilimanscharo - der Film

klingt gut und interessant - werde ihn mir gleich heute abend ansehen!! Merci!

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