Kinokritik "Die Eiserne Lady"

Das Unsagbare bleibt ungesagt

von Gabriele Müller

Die Krämerstochter mit dem Willen zur Macht: Meryl Streep als Margaret Hilda Roberts (Foto: 2011 Concorde Filmverleih GmbH)

Nicht mehr als ein "Kostüm"-Film: Phyllia Lloyds Verfilmung von Margaret Thatchers Leben ist so eintönig wie das Farbspektrum im blau gefüllten Kleiderschrank der britischen Ex-Premierministerin. Die "Eiserne Lady" wird  auf das Private reduziert und die Politik gerät zur Nebensache.

„Sollen sie die Irren draußen halten oder dich drinnen?“, fragt der ältere Herr mit Blick auf das Polizeiauto vor der Tür. Seine Frau ist Margaret Thatcher (Meryl Streep), eine betagte demenzkranke Dame, die unerlaubt und unerkannt zum Einkaufen entwischte. Denis Thatcher (Jim Broadbent) ist zu diesem Zeitpunkt längst verstorben, erfreut aber gelegentlich als Geist die ehemalige britische Premierministerin und geht ihr mitunter auch auf die Nerven.

Immer noch ist sie adrett, onduliert, rotmündig, trägt Perlenkette, trinkt Tee oder Hochprozentiges und liefert sich charmant-spöttische Gefechte mit dem Gatten. Szenen einer Ehe, sie der Lady-Boss, er der Hofnarr.

Treu und loyal an der Seite der kranken Mutter, die nach eigenem Bekunden die Gesellschaft von Männern bevorzugt, steht die Tochter, während der Sohn in Südafrika auf Distanz geht.

Die Weltkarte ist nur nebensächliche Requisite (Foto: 2011 Concorde Filmverleih GmbH )

Der Film der britischen Regisseurin Phyllia Lloyd vermag zu berühren, wenn er die alte Margaret Thatcher zeigt, müde, einsam, verloren – er vernachlässigt jedoch das Wesentliche: Worin lag das politische Talent, das strategische Kalkül dieser streitbaren und umstrittenen Frau, die es von der Krämertochter mit Oxfordabschluss zur ersten britischen Premierministerin, noch dazu mit der längsten Amtszeit, gebracht hat?

Die junge Margaret Hilda Roberts ist bodenständig, kennt den Preis von Milch und Butter, ist ehrgeizig und überzeugt, dass „das Leben etwas bedeuten muss“, ist realistisch und verschafft sich durch die Heirat mit Denis Thatcher Zugang in eine politische Enklave erzkonservativer Politikbetreiber, wo im Rückzugsraum für Lady Members ein Bügelbrett mit Bügeleisen wartet.

Auch wenn diese Karrierefrau im Vorzeigekostüm von ihren männlichen Mitarbeitern nach einem Personality-Check optisch und akustisch erst auf Vordermann gebracht werden musste – Heidi Klum lässt grüßen – Verpackung ist Imagepflege, und die gehört seit jeher zum Geschäft in der Politik. Es reicht jedoch nicht, eine der mächtigsten Frauen des Nachkriegs-Europas als hellblaues, wenn auch scharfzüngiges Politbonbon unter grauen Anzugträgern zu präsentieren.

Sie kam, um das Land „von den Fesseln des Sozialismus“ zu befreien und um das „Unsagbare zu sagen, was Männer sich nicht zu sagen trauen“. Kritik, sei es aus den eigenen Reihen, sei es vom Gegner oder gar vom Volk, prallt an der Premierministerin ab wie Regentropfen auf einem Trevirahütchen.

Ob geliebt oder gehasst: Ihr Blick richtet sich nach vorne (Foto: 2011 Concorde Filmverleih GmbH)

Margaret Thatcher, die weder über die Abschaffung ihrer Perlenketten noch über die Einführung des Euro mit sich verhandeln lässt und  in späten Jahren erbost moniert, dass es in der Politik nicht mehr um Ideen ginge, sondern nur noch um Gefühle, ausgerechnet sie wird in „Die Eiserne Lady“ reduziert auf das Private, das vermeintlich Weibliche – sogar ihr weiches Dekolleté kommt zum Einsatz – und auf die Altersmilde einer trauernden Witwe.

Ihre Ideen, ihre Intelligenz bleiben in diesem „Kostüm“-Film Nebenschauplätze. Müllkonflikt, IRA-Konflikt und Falklandkonflikt geben ein minimalistisches Gastspiel. Um Politik geht es in diesem Porträt einer Politikerin nur am Rande, und selbst das Unsagbare bleibt ungesagt.

Die Inszenierung von Phyllia Lloyd ist so eintönig wie das Farbspektrum im blau gefüllten Kleiderschrank von Frau Thatcher: Rückblenden fürs Familiäre, Archivmaterial für den politischen Touch, dazwischen kernige Sprüche der Eisernen Lady, hypnotisierende Blickkontakte zwischen der Premierministerin und ihren Kabinettsmitgliedern und gerne auch tränenfeuchte Nahaufnahmen in das Gesicht einer einstigen Politgröße.

Hollywoods Grande Dame Meryl Streep spielt diese Margaret Thatcher erwartungsgemäß gekonnt. Dafür kann man einen Oscar verleihen, muss man aber nicht. Auf keinen Fall jedoch wird dank ihrer schauspielerischen Leistung aus einem mittelmäßigen Film ein guter Film.

Seit 1. März im Kino.

Veröffentlicht am: 21.03.2012

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Caren Kamp
21.03.2012 14:45 Uhr

Bravo ! da ist ja alles gesagt,bzw.geschrieben,

obwohl ich denke die Regisseurin wollte uns nur

Thatchers menschenweibliche Seite vorführen.

Vielleicht hat sie einfach mehr politische Kenntnisse über die Lady vorrausgesetzt?

Gut getroffen-trotzdem..C.K.

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