Florian Webers Trio Minsarah mit Lee Konitz im Jazzclub Unterfahrt: Wo selbst ein schlichter Swing ganz neu klingt

von Clara Fiedler

Pioniere treffen Legende. Eine reibungslose Fusion im Fall von Minsarah und Lee Konitz. Foto: Minsarah.net

"Florian is like an Alien", sagte Minsarahs Bassist Jeff Denson nach dem Konzert über den Pianisten. Er hat Recht. Florian Webers Klavierspiel ist wirklich manchmal wie nicht von dieser Welt, selbst dann wenn er die Gassenhauer wie "I'll Remember April", "What Is This Thing Called Love" oder "All The Things You Are" interpretiert. Mit seinem Trio Minsarah und dem inzwischen 84-jährigen Lee Konitz gastierte er im Rahmen der Jubiläums-Konzertreihe des Münchner Labels Enja Records im Jazzclub Unterfahrt.

Es sind immer wieder die erstaunlichsten Konzerte, wenn eine lebende Legende wie Konitz auf  Pioniere wie Minsarah trifft. Anders als vielleicht Herbie Hancock, dessen Groove und musikalisches Lebensgefühl jüngeren Mitmusikern einen sicheren Hafen bietet, regt Lee Konitz unentwegt an, ist interaktiv, bringt alles in Fluss. Weber und er spielen sich die Linien zu, übernehmen voneinander, führen weiter. Sie werden einander wohl gut verstehen. Denn Konitz war seinerzeit auch einer der "Aliens". Mit 21 war er an den Aufnahmesessions zu Miles Davis' "Birth Of The Cool" beteiligt.  Es folgten Aufnahmen mit Gerry Mulligan, Kenny Wheeler, Jim Hall und vielen anderen. Mit München verbindet ihn außerdem der hier ansässige Pianist Walter Lang, mit dem er die Duo-Platte "Ashiya" einspielte.

Es ist verblüffend, wie diese beiden Avantgardisten eigentlich doch so nah am Thema bleiben, es umspielen, mit einem Augenzwinkern verklausulieren. Da jagen sich die Triller, da blitzt ein bisschen Bach durch, und das Ganze läuft so rasant ab, dass man bei einer Band von vier Leuten von Bombast sprechen kann. Dann gibt es wieder diese Mitten der Stücke, wo man sich als Hörer völlig verliert, wo jeglicher Versuch, die Form nachzuvollziehen, kläglich scheitern.  Hier offenbart sich eigentlich gelebte musikalische Freiheit. Denn niemand, der ein System und seine Regeln nicht in- und auswendig kennt und beherrscht, kann sie derart auseinandernehmen, verfremden, damit spielen wie es Minsarah tun.

Vielleicht funktioniert dieses Trio deshalb auf eine so ungewöhnliche Art und Weise, weil diese drei Musiker sich in ihrer monumentalen anmutenden Art der Transparenz sehr ähnlich sind. Oft ist es die Rhythmusgruppe, Bassist Denson und Ziv Ravitz am Schlagzeug, die das ganze Strukturempfinden sabotieren und dabei unheimlich kommunikativ agieren, als wäre das alles bis ins kleinste Detail geprobt. Ersterer legt beim Solo eine Eigenheit an den Tag, die wenige Bassisten wirklich leben: Er spielt Melodien. Er improvisiert mit Linien, die seiner Innovation entspringen, und nicht Ergebnis einer Aneinanderreihung von Akkordtönen sind.

Minsarah an sich sind schwer zu beschreiben. Progressiv, voller ungewöhnlicher Klangspektren trotz der klassischen Besetzung, präzise und kommunikativ. Mag man das über viele Jazzbands schreiben können, diese Truppe hat ihren eigenen, fremdartigen Reiz, sodass einem selbst ein einfacher Swing xxx kürzer: völlig neu vorkommtxxx nicht mehr vorkommt wie etwas, was man schon etliche Male gehört hat. Lee Konitz fügt sich ein, ohne sich in seiner meisterhaften Präsenz und seiner Eigenheit zu verändern. Er ist dahingehend in jedem Kontext erstaunlich: Eine Schatzkiste an Melodien, ein niemals endender Fluss von Möglichkeiten, um es mit seiner Art, mit seinem Namen zu spielen, zu sagen: Endless-lee.

Veröffentlicht am: 07.11.2011

Über den Autor

Clara Fiedler

Redakteurin

Clara Fiedler ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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