Folge dem weißen Kaninchen, der Rest ist Grinsen: Sänger, Gitarrist und Songwriter Jeremias Meinhard und eine musikalische Reise durchs Wunderland

von Clara Fiedler

Schwarz? Weiß? Völlig egal. Hauptsache es macht Spaß: Jeremias Meinhard. Foto: Marlies Dattler

Das Tor zum Wunderland muss kein Kaninchenbau sein. Man kann auch einfach durch die Tür eines kleinen Cafés mitten im Glockenbachviertel gehen. Vorher gebe man bitte seine Erwartungen, Vorstellungen und Sonstiges an der Garderobe ab. Sollte man sich dann im Wunderland nicht sofort zurecht finden, wende man sich an Herrn Jeremias Meinhard. Dieser sitzt am größten Tisch in der Mitte auf einem der Stühle, von denen keiner wie der andere aussieht, im schummerigen Licht des Cafés und überstrahlt mit seinem Begrüßungslächeln gleich seine schwarzen Klamotten.

Man mag annehmen, dass das die düstere Opulenz, mit der sich der Sänger, Gitarrist und Songwriter gerne präsentiert, aushebelt. Aber das ist nicht der Fall. Die Begründung dafür sieht er selbst in seiner barocken Lebenseinstellung. Genieße den Augenblick aber gedenke des Todes. Leicht gesagt. Meinhard lebt es. Mag er von Vergangenem erzählen, oder von seinem Wunderland, er schwelgt niemals. Das, was mitschwingt, ist Begeisterung. Visionen, keine Tagträume. Er ist kein Widerspruch. Er hat wohl nur verstanden, dass es niemals das eine oder das andere gibt, sondern dass diese scheinbaren Gegenteile immer eins sind.

Seine Geschichte ist zweifelsohne bemerkenswert. Als Kind verbot ihm der Vater jegliche Berührung mit Musik und Theater. "Er hatte eine eigene Firma und ich war also der designierte Nachfolger", erzählt Meinhard, der den Jeremias neuerdings abgelegt hat. "Den brauchte ich, um mich zu distanzieren." Heute weiß er, dass der Vater ihn schützen wollte, vor einem unsicheren, eventuell brotlosen Musikerleben. Erfolglos natürlich, wie man hört: "Die Musik, das war schon immer da." Er ging nach München, wo er auch ein paar Semester Japanologie studierte, trat in Cafés und auf Veranstaltungen wie dem Comicfest auf.

Spricht man ihn auf seine neue CD "Beyond Wonderland" an, die im März 2012 erscheinen wird, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Er beschreibt die einzelnen Stücke, freut sich fast kindlich auf die Überraschung, die der Hörer erleben wird, weil "alles ganz anders wird". Überhaupt ist die Überraschung, die liebevolle Verunsicherung sein Metier. Die depressive Künstlerkrise ist ihm fremd. "Es passiert einfach", sagt er über seinen Kompositionsprozess. "Ich muss gar nichts machen. Das ist mir fast peinlich." Der erste Moment, die Idee ist "eine ganz besondere Energie. Das ist auf eine Weise spirituell."

Und sowieso muss alles positiv und konstruktiv sein. Man hört sich das an, spürt, dass es echt ist. Dennoch hängt der Blick an den Totenköpfen auf dem T-Shirt, an den Ringen.... Wie geht das zusammen? Diese Energie und Lebensfreude, und dann die Todessymbolik? Ein verschmitzter Blick seitens Meinhard und dann seine Antwort: Ist Dir schon mal aufgefallen, dass jeder Schädel grinst? Und wenn das das ist, was von jedem Menschen am Schluss übrig bleibt, wird am Schluss jeder grinsen." Zweifle, wer will.

Genau wie diese Antwort - klug, tiefgründig und humorvoll sind auch seine Lieder. Eine unheimliche Bandbreite an Instrumenten wird auf dem kommenden Album vertreten sein, wie etwa die Solotrompete auf "Pig & Pepper" oder Klavier, Electronics und mehrstimmige Vocals auf "Sea Of Tears". Meinhard ist poppige Melodik, Jazzsoli, der Drive des Rock'n'Roll, die optische und musikalische Vielseitigkeit des japanischen Visual Kei, ein bisschen Metal und elektronisch. Und außerdem dreht er ein Musikvideo über "professionelle Schweinsmisshandlung", bei dem er ständig lachen muss, obwohl ein finsterer Blick gefragt wäre...

Es ist spät geworden. Das weiße Kaninchen sitzt an der Tür des Cafés und winkt. Draußen regnet es. Meinhard spannt den schwarzen, ebenfalls viktorianisch anmutenden Kuppelschirm auf, der wie alles an ihm mit Bedacht gewählt ist. Selbst den Regen zelebriert er, genau wie alles andere, was so kommt und was er tut. Irgendwann fällt einem auf, dass man seine ganzen Vorurteile über schwarzgekleidete, weißgeschminkte Musiker an der Garderobe liegen hat lassen. Und dann stellt man fest, dass man sie sowieso nie wirklich gebraucht hat.

Veröffentlicht am: 26.10.2011

Über den Autor

Clara Fiedler

Redakteurin

Clara Fiedler ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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