Strahlende Bilder zu Ehren eines Jubilars: Zoltán Fejérvári konzertiert mit einem Liszt-Recital im Gasteig

von Clara Fiedler

Der ungarische Pianist Zoltán Fejérvári gratulierte Liszt mit einem Recital. Foto: Kulturzentrum Gasteig

Ob er den Hype um sich genossen hat, kann man den bekannten Quellen überhaupt nicht entnehmen. Dass es einen gegeben hat, zweifellos. Dennoch, auch wenn Maler beim anfertigen eines Portraits das gemacht haben, was man heutzutage mit Photoshop macht: Auf allen Bildern von Franz Liszt findet man im Gesicht eine Sensibilität, ja, Verletzlichkeit, wie sie zu seinem Beinamen "Klavierzertrümmerer" eigentlich überhaupt nicht passt. Der Mann auf den Bildern ist kein typischer "Superstar". Egal, wie er sich darstellt. Zu seinem 200. Geburtstag am vergangenen Samstag veranstaltete der Kulturkreis Gasteig ein Liszt-Festival.

Filme, Konzerte, eine kleine Ausstellung und Vorträge wurden zu Ehren des Komponisten und Pianisten auf die Beine gestellt. Für ein Klavierrecital am Abend des Geburtstages holte man den ungarischen Pianisten Zoltán Fejérvári nach München. Mit ernster Miene betritt der gerade 24-jährige Virtuose die Bühne, setzt sich unter erwartungsvollem Applaus an den Steinway und fängt an zu spielen. Unspektakulär, ohne die Konzentrationsminute, die manche klassischen Künstler so genussvoll auskosten. Er beginnt mit Liszts Variationen über "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen" aus der Bach-Kantate BWV 12. Genauer gesagt, mit einer absteigenden Chromatik. Man wird daran erinnert, dass es keine Tonfolge gibt, die mehr Schmerz beinhaltet, als diese, so einfach sie auch ist. Sie bleibt für eine Weile im Bass, verschwindet dann, denn dem Weinen folgt der Zorn, als eine unheimliche, trotz Destruktivität nach vorne drängende Energie. Linien, Akkorde, Melodien überschlagen sich, die Chromatik kommt wieder in wütender Vollgriffigkeit, in grollenden Bässen.

Der junge Mann am Klavier interpretiert regungslos. Er bewegt sich kontrolliert, konzentriert, blitzschnell. Nichts daran ist überflüssig. Es folgen zwei weitere Transkriptionen, denen Lieder von Schumann und Schubert zugrunde liegen. Liszt und die Transkription, das ist ein Thema für sich. Vielleicht war Liszt - ähnlich wie Chopin - in erster Linie Pianist. Einer, der Stunden und Tage damit verbringen konnte, Musik die er liebte auf sein Instrument zu übertragen. Jeder andere, der versucht hätte, Wagner für Klavier zu transkribieren, hätte irgendwann vielleicht festgestellt, dass das Irrsinn ist. Liszt hat es in einer Weise getan, die einem den Eindruck vermittelt, dass nichts fehlt. Vielleicht steckt in dem "Klavierzertrümmerer" auch einfach die Macht, die völlige Beherrschung dieses Instrumentes.

Zoltán Fejérvári ist auf dem Weg. "Bénédiction de Dieu dans la solitude" und "Aux Cyprès de la Villa d'Esté" versprechen das, wofür Liszt kompositorisch bekannt und geliebt wurde: musikalische Dichtung. Eine Vertonung von Bildern oder Texten ohne die Formvorgaben der Wiener Klassik, die selbst bei Zeitgenossen wie Berlioz und Brahms noch sehr präsent, wenn auch nicht mehr wegweisend waren. Wie ein verhängnisvolles Glockenläuten beginnt die Einsamkeit. Quartsprung nach unten. Immer wieder. Dann Auflösung zur Terz. Ruhe stellt sich ein. Der Frieden des Alleinseins. Fejérváris Spiel ist vielschichtig und präzise, verlangen vom Zuhörer ebenfalls die absolute Konzentration. Jeder Ton wurde hier mit eigener Dynamik, eigenem Charakter, eigenem Ausdruck bedacht. Woraus ensteht Virtuosität, wenn nicht aus dieser Form der Aufmerksamkeit für die Musik?

"Légendes No. III" von Marcell Dargay (geb. 1980) ist als Hommage an Franz Liszt gedacht. Wie das zu verstehen ist, wird nicht ganz klar. Cluster werden in den Raum geworfen, bruchstückhaft, schlaglichtartig, in verschiedensten Temperamenten. Der Komponist spielt mit Intervallen, mit Auflösungen, mit Täuschungen. Die Legende wird dahinter vielleicht erst beim dritten Mal Hören sichtbar werden. Das Stück bleibt leider kryptisch, eine Erläuterung dazu wäre willkommen und interessant gewesen.

Mit "Après und lecture de Dante" beschließt der junge Ungar den Abend. Mit den ersten Akkorden errichtet er eine Säulenhalle, baut eine Kathedrale darum und lässt mit der Dur-Auflösung die Sonne hinein. Das Licht durchflutet einen, "sakral" bedeutet nicht mehr Strenge, sondern Einheit. Liszt war ein Meister solcher Bilder. Fejérvári malte sie wie so viele vor ihm an diesem Abend noch einmal. Und es ist allein Musikern wie ihm zu verdanken, dass sie diese Bilder nicht nur am Leben halten, sondern sie mit ihrer eigenen Leuchtkraft zum Strahlen bringen.

Veröffentlicht am: 24.10.2011

Über den Autor

Clara Fiedler

Redakteurin

Clara Fiedler ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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