Wie die Freude über den ersten Schnee: Mats Eilertsen und seine Band "Skydive" in der Unterfahrt

von Clara Fiedler

Brachten Skandinavien nach München: Der norwegische Bassist Mats Eilertsen und seine Band "Skydive" Foto: Jacky Lepag

Ein einziger Kontrabasston wird wiederholt, immer wieder angeschlagen. Langsam baut sich auf ihm eine sphärische Fläche auf. Alexi Tuomarila am Piano ist wie ein finnisches Schneegestöber, das einem ein Lächeln ins Gesicht und die Röte auf die Wangen treibt.  Tore Brunborgs Saxofon besitzt die strahlende Intensität einer eiskalten Wintersonne, die das Schneetreiben durchbricht. Es fallen nur noch einzelne Flocken. Bis das Saxofon die chromatische Rückung vollzieht.

Die anderen ziehen nach, unterlegen mit Harmonie, geben einen  Kontext. Mats Eilertsen steht  auf der Bühne der Münchner Unterfahrt, so selbstverständlich selbstverloren, die Augen geschlossen, die Kommunikation hingegen sehr offen. "Skydive" nannte der norwegische Bassist Mats Eilertsen diese Band. Zurecht. Man taucht ab, befindet sich dennoch in luftigen Höhen. Es ist nicht so, dass sich da fünf versierte Musiker die Bälle zuspielen. Eher macht es den Eindruck, als würde der Ball blind weitergegeben an den nächsten, der damit jongliert, spielt, die irrsten Dinge macht. Immer im Stil der Band. Keiner beharrt zwanghaft auf einer Individualität. Keiner profiliert sich. Diese fünf Musiker sind - so unglaublich die Virtuosität des Einzelnen auch sein mag - eine Band. Und das kommt bei solchen Begabungen selten genug vor.

Es gibt kaum Ansagen, kein Geplänkel zwischen den Stücken und schon gar keine Show. Alles ist so durch und durch skandinavisch. Diese sehr eigene Meisterhaftigkeit, dieser ganz natürliche Respekt vor derselben, die Atmosphäre der Wärme in der Kälte, überhaupt das Charakterisieren von Kälte als ein nicht zu bewertender Bestandteil des Lebens, das alles gibt es nur in Schweden, Finnland, Norwegen.

Und das ist es auch, was es so schwierig macht, diese Musik einzuordnen. Natürlich, irgendwo ist es Jazz. Harmonisch gesehen, stilistisch gesehen. Aber es wird niemals amerikanisch klingen. Quirlig sind sie, die Soli. Flüssig, reibungslos, in einem unheimlichen Tempo werden die irrsten Linien über eine Klangfläche gelegt. Aber niemals wird die Virtuosität ausgereizt oder nervenaufreibend zelebriert, wie man es im Bebop beobachten könnte. So verrückt es klingt, dieser Musik fehlt der Schmerz, in welcher Form der auch immer sonst auftreten mag. Sie ist einfach wie die Freude eines Kindes über den ersten Schnee, über der es vergisst, dass eine kalte und dunkle Zeit bevorsteht.

Was sieht man, wenn man in den Himmel taucht? Eiltertsen und seine Kollegen malen diese Landschaften bunt und lebendig. Olavi Louhivuori am Schlagzeug bewegt sich eher wie ein Kung-Fu-Kämpfer als wie ein Tänzer. Trotzdem sieht man das Weich-fließende, wenn man die Augen schließt. Und zu guter Letzt der leider etwas weniger präsente Gitarrist Thomas T. Dahl, der beim Solo nur selten, aber dafür eindringlich die Aufmerksamkeit des Hörers  in Beschlag nimmt, und sich ansonsten mit Clusterflächen, Geräuschen und harmonischer Gestaltung begnügt.

Mit dem eigenen Applaus reißt man sich aus der tiefenentspannenden Trance. Mats Eilertsen bedankt sich mit einem müde wirkenden Lächeln für den Abend. Die strahlenden Gesichter der anderen Musiker sind zu Boden gewandt. Nach der obligatorischen Verbeugung verlassen sie die Bühne, ohne mit dem Publikum zu kokettieren. Es ist eine sehr sympathische Art von Zurückhaltung, die die Skandinavier generell zu pflegen scheinen. Und gerade deshalb sollte man ihnen mehr Bedeutung beimessen. Denn sie erobern nicht, sie gewinnen.

Veröffentlicht am: 12.10.2011

Über den Autor

Clara Fiedler

Redakteurin

Clara Fiedler ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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