Theater als Gehirnleistung mit tiefem Empfinden - Ein Gespräch mit dem Regisseur Wilfried Minks zur Premiere von Neil LaBute's "Zur Mittagsstunde" am Residenzthater

von Gabriella Lorenz

Norman Hacker in Zur Mittagsstunde (c) Hans Jörg Michel

Er hat in den 1960er und 70er Jahren das deutsche Theater revolutioniert: 1966 stellte Wilfried Minks in Peter Zadeks "Räuber"-Inszenierung ein Comic-Bild von Roy Lichtenstein auf die Bühne, 1967 bestückte er Zadeks "Maß für Maß" nur mit bunten Glühbirnen. Mit dem Intendanten Kurt Hübner, den Regisseuren Zadek, Peter Stein und Klaus Michael Grüber prägte der Bühnenbildner Wilfried Minks den Bremer Stil, der die Theaterästhetik nachhaltig veränderte. Seit 1972 führt er auch selbst Regie. 2010 erhielt Minks den Faust-Theaterpreis für sei Lebenswerk. Nun hat der 81-jährige Altmeister am Residenztheater "Zur Mittagsstunde" des US-Autors Neil LaBute inszeniert. Zur Premiere am vergangenen Samstag hat der Kulturvollzug mit ihm gesprochen.

 

Herr Minks, Hauptperson des Stücks ist ein Mann, der als einziger den Amoklauf eines Mitarbeiters in seiner Firma überlebt hat. Das ist für John ein religiöses Erweckungserlebnis. Er hat Gottes Stimme gehört und will  nun die Menschen zum Gut-Sein bekehren. Was interessiert Sie daran?

Die Frage nach dem Glauben an sich, in einer aufgeklärten, individualistischen Welt. Im Zusammenhang mit dem Papstbesuch hier in Deutschland war der "Glaube an Gott" in beinahe allen Medien Thema und natürlich steht dieses Thema in engem Zusammenhang mit einer Wertediskussion. Die globalisierte Ökonomie, die enthemmten Finanzmärkte trudeln von einer extremen Krise in die nächste. Mit diesem Stück provoziert LaBute den Zuschauer, sein Verhältnis zum Glauben zu befragen. Von der Form her ist es eine Art Vexierspiel: Was ist wahr, was ist Lüge? Was ist Realität, was Illusion? Eine Antwort gibt LaBute nicht.

Der Erweckte entlarvt sich nach und nach als ziemlich fieser Typ. War er vielleicht selbst der Attentäter?

Das glaube ich nicht, den Beweis bleibt das Stück allerdings schuldig. Aber er hat als Vorgesetzter den anderen in die Enge getrieben und ihn so vielleicht zum Attentäter gemacht. Er hat ihn gemobbt und ihm gekündigt. Um mobben zu können, hat er ein geeignetes Opfer gesucht.

Soll man glauben, dass so jemand Gottes Stimme gehört hat?

Auf keinen Fall darf ich es ausschließen, sonst bräuchte man das Stück nicht machen. Man fragt sich: Wenn John auserwählt ist, warum hat Gott den Miestesten gewählt, sein Wort zu verbreiten? Aber selbst wenn wir der Hauptfigur glauben und die Möglichkeit der "Erweckung" akzeptieren, wird der Glaube aun diese Möglichkeit permanent vom Autor torpediert, und zwar durch den Blick der anderen Figuren im Stück. Zum Beispiel glaubt seine Ex-Frau keine Sekunde daran, dass ihr Ehemann sich zum besseren Menschen entwickelt hat.

LaBute lässt ja trotz Enthüllungen vieles in der Schwebe.

Das ist dir große Qualität des Stückes. LaBute vermeidet jede einfache Gewissheit. Gleichzeitig ist aber genau das die Schwierigkeit beim Inszenieren und Spielen des Stückes. Spielen Sie mal einen Menschen, von den sie nicht genau wissen, wer er ist.

Andrea Wenzl, Norman Hacker (c) Hans Jörg Michel

Was hat Sie 1972 zur Regie gebracht?

Kurt Hübner inszenierte in Bremen eine Shakespeare-Komödie und wurde krank. Ich habe das dann mit den Schauspielern zu Ende geführt. Es hat mir immer Spaß gemacht, etwas Ganzes zu machen. Und ich hatte ja alle Möglichkeiten, die Methoden von Regisseuren wie Peter Stein, Peter Zadek und Klaus-Michael Grüber zu sehen. Mich hat interessiert: Woliegt mein Tempo im Umgang mit Menschen?

Blickt der Regisseur Minks anders auf ein Stück als der Bühnenbildner?

Es sind unterschiedliche Interessen: Für ein Bühnenbild lese ich ein Stück ganz anders als für eine Regie. Die Bühne ist eine Vorstellung von der Welt, bei der Regie gehts um das Thema dieser Welt, die geballte Situation zwischen Menschen. Das Bühnenbild ist ein Raum, mehr Architektur als Bild. Dabei bin ich immer mehr von Shakespeare ausgegangen als von einem Ibsenschen Naturalismus. Das Bühnenbild muss Charakter haben, eine Haltung zur Welt. Es ist ein Milieu, wo Menschen sich auseinandersetzen können. Ich betrachte Theater als Gehirnleistung mit tiefem Empfinden.

Das Bremer Theater war während der 1968er Jahre das deutsche Avantgarde-Theater schlechthin. Dennoch sagen Sie, Theater solle nicht politisch sein.

Weil die Politik das Theater ausbeutet. Manchmal auch umgekehrt. Und weil es keine große Wirkung hat. Die Politik ist einfach zu eng. Theater kann nicht so tagespolitisch eng sein. Es stellt die Grundfragen des Lebens, finde ich. Das versucht LaBute auch. Wenn Dichter oder Theatermacher einen tagespolitischen Stoff gefunden haben, ist das oft schon das Todesurteil: Weil sie zu wissen glauben, wie's geht, wie die Welt aussieht. Aber sie sieht gar nicht so aus. Die Nachkriegsstücke waren so bemüht, politisch zu sein. Man hat immer die Schuldigen gesucht. Ich habe den Zweiten Weltkrieg miterlebt und an meinem Vater gesehen, wie leicht man da reinrutscht. Damit möchte ich keinen Nazi entschuldigen, auch keinen Stalin oder Pol Pot. Wenn eine Ideologie auch nur ein Todesopfer fordert, taugt sie nichts. Mit dem Tod kann man Gott nicht erkaufen.

Nächste Vorstellungen am 12. Oktober 2011, 20.00 Uhr, 14. Oktober 2011, 20.30 Uhr, 21. und 24. Oktober2011, jeweils 20.00 Uhr. Karten unter 089/2185 1940

 

 

 

Veröffentlicht am: 11.10.2011

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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