Straßenfest entlang dem Zeitstrahl: Hugo Siegmeth und "Passacaglia" in der Unterfahrt

von Clara Fiedler

Saxofonist Hugo Siegmeth spielt, wie er erzählt: liebevoll. Foto: S.W.Pakzad

„Passacaglia“ – zu deutsch: eine Straße entlanggehen. Eine musikalische Form, die auf Straßenfesten gespielt wurde, bei der über eine gleichbleibende Basslinie improvisiert wurde. Wenn Saxofonist Hugo Siegmeth sich damit beschäftigt, tut man genau das: Man legt einen Weg zurück und hat dabei einen Mordsspaß. Gleichermaßen als Zeitreise gestaltet er sein Projekt. Es knüpft sich Passacaglien aus jeder Epoche vor und reichert sie an mit der improvisierten Musik der Neuzeit: dem Jazz.

Bereits den ersten Celloton von Eugen Bazijan spürt man im Herz ebenso wie im Bauch. Mit Stefan Schmid am Piano und Max Grosch an der Violine beginnt ein kontrapunktisches Stück, das vom Klang her vielleicht ins 16. Jahrhundert passt. Und man hätte es nicht gedacht: Das Saxofon fügt sich so nahtlos ein ins Ensemble, als wäre die Musik dafür geschrieben worden.

Dann schlägt die Stimmung um, das Cello wird wie ein Jazzbass gezupft und Schmid begibt sich in sein eigentliches Metier zurück. Entwurzelt ist man als Zuhörer längst. Keiner der zahlreich Erschienenen weiß, was heute Abend noch passieren wird. Und so hängt man an Siegmeths Lippen, wenn er mit diesem sympathischen Humor durchs Programm führt und historische Hintergründe erläutert. Oder das Publikum warnt, als er zur Bassklarinette greift: „Ich weiß jetzt nicht, ob das gut klingt... ich muss mal erst reinblasen.“

Ein Stück von Georg Muffat funktioniert für ihn auch als georgisch-folkloristische Nummer, in deren Thema Saxofon und Violine eine wunderbare Zweisamkeit zelebrieren. Siegmeth geht ins Solo über und spielt, wie er erzählt: liebevoll, mit einem Augenzwinkern, bisweilen selbstironisch und immer beseelt. Der Fluss seiner Melodien fließt zurück ins Meer des Ensembleklangs, und man fühlt sich aufgehoben in diesem Stillvergnügten der frühen Barockmusik. Schließlich findet man sich doch beim Meister Bach wieder, dessen vielgelobte, einzige „reine“ Passacaglia angekündigt wird. Hugo Siegmeths kaskadenartige Kadenz fließt über fast kitschige Klavierakkorde, man vergisst das Bach-Portrait mit dem gestrengen Blick, und es ist so herrlich, was in dem, der sich drauf einlässt,  zu blühen beginnt. Das Ostinato – der Grund, auf dem man sich bewegt. Saxofon und Violine – so rund im Zusammenklang, so eng in der Verbindung. Das Ensemble an sich – eine Familie. Die Form – völlige Freiheit,  aber auf einem sicheren Boden.

Etwas Besonderes sind auch die Solofreigänge von Geiger Max Grosch: Virtuose Linien gewürzt mit Chromatik, perfekt auf den Punkt, dennoch, man stößt immer an Ecken, und das ist schön. Man muss sich führen lassen von ihm. Und so wie er die Geige in der Hand hält, als wäre sie ein Teil seiner selbst, immer schon da gewesen, vertraut man ihm blind.

Inzwischen sind die Vier bei Anton von Webern angekommen. Auch der hatte einmal eine tonartgebundene Phase, bevor er sich der Zwölftonmusik verschrieb. Und siehe da: es ist fast ein Ohrwurm. Sehr einfach gehalten, wenig thematisches Material, eine Wärme in der Klarheit, wie man sie von von Webern nicht vermutet hätte.

Mit György Ligeti und seiner Passacaglia ungeresi beschließt Siegmeth den Abend. Und wenn man den Jazzclub Unterfahrt mit einem breiten Lächeln verließ, wurde man daran erinnert, dass Musik immer die gleichen, tief sitzenden Dinge in Menschen anspricht, sofern sie aufrichtig gemeint ist. Egal ob Siegmeth, Bach oder eben beides auf einmal.

Veröffentlicht am: 11.08.2011

Über den Autor

Clara Fiedler

Redakteurin

Clara Fiedler ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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