Ein Mann in C-Dur: Der Pianist Hugo Seebach und sein besonderes Gefühl für die völlige Klarheit

von Clara Fiedler

„Komm, ich zeig’s Dir schnell!“: Hugo Seebach. Foto: Bridgeclub München

Fast scheint es, als sei Hugo Seebach ein Widerspruch in sich. Dieses derbe Lachen, diese laute Art. Und dann die Feinfühligkeit, das zarteste Pianissimo an der richtigen Stelle, die absolute Sensibilität, wenn es um Musik geht. Es scheint wirklich nur so. Denn er lebt beide Facetten seines Wesens gleichermaßen authentisch.

Er war immer Pianist. Mit 13 war er Jungstundent am Konservatorium in Nürnberg. Mit 18 gewann er „Jugend musiziert“, machte nach dem Abitur noch schnell  sein Diplom, bevor er noch sechs weitere Jahre in München studierte. Das ist alles nicht so wichtig. Studiert haben sie alle.

Aber was ist es, was diesen Menschen und seine Art zu interpretieren so mitreißend macht? Auf die Frage, was ihm wichtig ist, wenn er an ein klassisches Werk herangeht, zieht er einen Band Beethoven-Sonaten aus dem Regal, schlägt die Noten auf - und beginnt zu erklären.

Nach einem ungeheueren Redeschwall schiebt er ruckartig seinen Stuhl zurück und meint „Komm, ich zeig’s Dir schnell!“ Im Klavierzimmer steht ein monströses Aquarium. Der Fisch, der darin lebt, stößt immer wieder gegen die Scheibe. Seebach lacht, streichelt das Glas an der Stelle, wo der Fisch vorbeischwimmt, und redet mit ihm. Sein Gesicht strahlt.

Dann setzt er sich an den Flügel. „Das ist die vorletzte Sonate“, beginnt er wieder zu erzählen, in einem unheimlichen Tempo, ein bisschen hektisch. Und dann spielt er es einem vor, das Thema, das Beethovens Schmerz vertont, den Schmerz eines Mannes, der sich immer wieder gegen sein Schicksal gewehrt hat. Die Finger fliegen über die Tasten, das Gesicht bleibt ruhig, die Augen huschen immer wieder zu den Noten, er spielt aus dem Rücken heraus. Ohne überflüssige Bewegungen. Ohne Zuckungen in der Mimik. Er spielt, wie andere Leute eine Computertastaur bedienen. Routiniert. Aber was dabei herauskommt, ist bewegend.

Plötzlich bricht er ab. „Und hier...und hier hört man, da wird es leichter. Er betrachtet es, es tut nicht mehr weh. Aber ein Wermutstropfen ist dabei...“, er blättert fahrig, deutet auf das Notenblatt, spielt wieder. Der letzte Satz ist eine Fuge. Die völlige Klarheit. „Da hat er losgelassen.“ Und es ist wahr. Die Erlösung liegt in dieser Klarheit. Man versteht. Und man fühlt, wie dem Mann am Klavier das Herz dabei aufgeht, sofern es überhaupt je verschlossen war. Der Fisch stupst immer noch gegen das Glas, wie Sisyphos, der es einfach nicht begreifen will. Er kämpft noch. Beethoven nicht mehr. Seine Erlösung fließt in der strengsten musikalischen Form aus den Fingern dieses Menschen, der bei jeder Gelegenheit in fast unkontrolliert wirkendes Gelächter ausbricht.

Es scheint, als wäre die große Konzertbühne gar nicht sein Zuhause. Und so ist es auch. Natürlich spielte er Wettbewerbe. Natürlich konzertierte er eine zeitlang in Deutschland und dem restlichen Europa. Aber er weiß was er kann. Und die vom Konkurrenzdenken beherrschte Szene lässt ihn offensichtlich weitgehend kalt. Er gibt Klavierabende, gerne in Verbindung mit Lesungen, zuletzt mit seiner ehemaligen Schülerin Agnes Krumwiede in Bayreuth. Dann gab es da diesen herrlichen Abend, wo er Mozart spielte und sein Vater dazu aus den Bäsle-Briefen vorlas. Vielleicht sind es neben der Musik die Menschen, die er liebt. Vielleicht schließt er den Trotz Beethovens genauso ins Herz wie den seiner Schüler. Es gibt wenige, von denen man das behaupten kann, aber Hugo Seebach ist durch und durch C-Dur.

Veröffentlicht am: 07.08.2011

Über den Autor

Clara Fiedler

Redakteurin

Clara Fiedler ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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Willi
19.08.2011 14:54 Uhr

Sehr schön geschrieben und durch und durch wahr. (ein schüler hugo seebachs)

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