Bärtige Sanftheit: Die Fleet Foxes eröffnen den Dachauer Musiksommer

von Salvan Joachim

Zaudert mit sich und der Welt: Robin Pecknold (F: Salvan Joachim)

Schritt für Schritt den Schlosshügel hinauf, vorbei an grünen, blauen, gelben und rosa Häuschen. Plötzlich versperrt ein Bauzaun den Weg zum Rathausplatz, Eintrittskarten werden kontrolliert. Seit gestern ist es wieder soweit: Im Wohlfühlambiente inmitten der Altstadt hat der Dachauer Musiksommer begonnen – mit einem gelungenen Konzert der Fleet Foxes.

Sie spielen nicht in München, nicht in Hamburg, Köln oder Frankfurt. Nur Berlin und Dachau stehen als deutsche Stationen auf dem Tourneeplan der Fleet Foxes – ein sensationeller Erfolg für die Veranstalter im Dachauer Kulturamt. Dort könnte in den nächsten Jahren ein Musikfestival entstehen, das sich über die deutschen Grenzen hinaus einen Namen macht.

Althergebrachte Pose? Skye Skjelset streichelt die Gitarre mit dem Geigenbogen. (F: Salvan Joachim)

Oder hatte vielleicht SZ-Chefredakteur Kurt Kister seine Finger im Spiel? Der gebürtige Dachauer lobte am 28. April auf der ersten Seite des SZ-Feuilletons die Band aus Seattle in den höchsten Tönen: "Die Fleet Foxes sind zurzeit Amerikas beste Band." Die Gegenstimmen ließen nicht lange auf sich warten. In der FAZ widersprach Alexander Müller. "Helplessness Blues", das neue Album, "erschöpft sich in althergebrachten Posen". Man müsse aufpassen, dass einem nicht die Füße einschlafen.

Vielleicht saß Müller auch nur unbequem auf seinem Stuhl, als er den Tönen der sechs Musiker lauschte. Beim Livekonzert waren nicht einschlafende, sondern nasse Füße die große Sorge. Doch nach ein paar Tropfen vor Konzertbeginn verzogen sich die dunklen Wolken über dem Schlossberg.

Die Fleet Foxes mit Beatles-Bass, Bart und Baumwollmütze. (F: Salvan Joachim)

Das passte zu den Texten von Sänger Robin Pecknold: In seinen philosophischen Reflexionen, dem steten Zaudern mit der Welt scheint sich stets ein Gewitter zu nähern. Doch begleitet von sanften Mandolinenklängen zieht es vorbei. Meist bleiben nur ein paar Töne auf der Gitarre zurück und der mehrstimmige Gesang, der schon Simon & Garfunkel sicher über „troubled water“ führte. Das Publikum in allen Altersklassen war gerührt, sang mit und verfolgte begeistert, wie die Instrumente getauscht wurden, Mandoline gegen Telecaster, Kontrabass gegen Querflöte.

Musikalischer Höhepunkt war das über acht Minuten lange „The Shrine / An Argument“, das aus den sonst oft ähnlichen Songstrukturen der Fleet Foxes ausbricht. In der Liedzeile „Sunlight over me no matter what I do“  schreit der 25jährige Pecknold für einen Moment gegen die eigenen eingängigen Melodien und den steten Sonnenschein an: Das psychedelisch-schräge Bassklarinettensolo krönt den Song und zeigt das Leid im Lied. Zaudern ist nicht nur schön, sondern ein Kampf. Und ein noch viel größerer Kampf muss es sein, all das Unbehagen und die Schwere des Nachdenkens in so eingängie Melodien zu fassen, ohne je dem Kitsch zu verfallen.

 

Der Dachauer Musiksommer bietet bis Ende Juli verschiedene Freilichtveranstaltungen. Ein weiterer Höhepunkt ist „Jazz in allen Gassen“ am 3. Juni. Die Konzertreihe endet am 26. Juli mit Willy Astors Gitarrenkonzert „Sound of Islands“.

Veröffentlicht am: 27.05.2011

Über den Autor

Salvan Joachim

Redakteur

Salvan Joachim (1986) ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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