30 Jahre Haindling

Ein Zauber der Einfachheit liegt über Gröbenzell

von Salvan Joachim

Hans-Jürgen Buchner bläst in Gröbenzell. (alle Fotos: Salvan Joachim)

Jawoll! Ohne Soundcheck betritt er das überhitzte Bierzelt, zieht sofort das Sakko aus und bedankt sich beim Publikum für den guten Musikgeschmack: Klingt überheblich, aber Hans-Jürgen Buchners Erfahrung und Emsigkeit machen den Abend mit Haindling zum Genuss.

Niemand nimmt das Altern so leicht wie Hans-Jürgen Buchner. Am 60. Geburtstag der Gemeinde Gröbenzell feiert Haindling sein 30. Jahr auf der Bühne. Und gleich zu Beginn des Konzerts stellt er fest, dass ihn die meisten Gäste wohl seit den ersten Tagen begleiten und deshalb lieber sitzen. Das passt zum Programm: Haindling beginnen mit einem Plädoyer für Ruhe und Gelassenheit. Einfach mal aufs "Telefon" scheißen, daheim bleiben und ins Grüne legen - das versteht man hier in der Gartenstadt. Natürlich auch, dass der "Depp" immer der Andere ist und mit den Jahren manches beschwerlicher wird: Bierkästenschleppen zum Beispiel ("Er hod grauchd").

"Servus!" - Hans-Jürgen Buchner am E-Piano

 

Nur der 57-jährige 67-jährige Buchner, dieser vielbegabte Multiinstrumentalist, nimmt die Sorgen leicht, schiebt sie weg mit seinen eingängigen Tonfolgen auf der Trompete. "Ach, das ist auch von ihm", hört man von der Seite. Und schon wird mitgepfiffen und geklatscht, bis das Festzelt die Musiker fast übertönt: "Schickts eich" schreien die Besucher unisono. Ja, so eine Schrei-Therapie sei anderswo viel teurer, sagt Buchner, setzt mit einem kräftigen "Jawoll" noch eins oben drauf und hüpft dann wie ein kleiner Bub über die Bühne.

Der King of Pop aus Niederbayern: Buchner beim Moonwalk

Richtig tanzen kann er aber auch. Beim Best-of-Medley aus drei Jahrzehnten macht er zum "Billie-Jean"-Bassriff den Moonwalk, holt sich dann aber doch Verstärkung aus der Gegend: Schuhplattler aus dem Isartal bringen wieder das Tradtionelle in das stickige, weiß-blau geschmückte Bierzelt.

Dann ist kurz Schluss mit lustig: Buchner meint es ernst, wenn es um bayerischen Brauchtum geht. "Ganz ohne Aggression", möchte er sagen, dass es ihm ziemlich stinke, wenn sich immer mehr Bayern mit "Hallo" statt "Servus" begrüßen. Als er die "Tschüss-freie Zone" in einer Passauer Schule erwähnt, jubelt das Publikum.

Unterstützt von einer Trachtengruppe: Haindling

Heimatpflege ist für Buchner aber vor allem ein musikalisches Projekt. Zu "Bavaria", dem aktuellen Vilsmaier-Film, hat er einige Stücke komponiert und präsentiert Ausschnitte auch live. Das Publikum sitzt wieder und genießt. Die Musiker sind sehr gut eingespielt. Die Lieder beherrschen sie im Schlaf, da zeigt sich nichts von der Vergesslichkeit, die Buchner beim Fahradfahren erlebt, wenn er sich nicht mehr auskennt in der eigenen Stadt: "I hob vergessen, dass I so vergesslich bin" - eine Ode an die schöne Vorstellung, das Altbekannte noch einmal neu zu entdecken. So wie all die Ohrwürmer von Haindling, die oft haarscharf am Kitsch vorbeischrammen, ins Banale abzugleiten drohen und dann doch in ihrer Einfachheit bezaubern: "Paula", "Lang scho nimmer g'sehn", "Mond". Diese Melodien im Ohr begleiten die Gröbenzeller nach mehr als zwei Stunden Haindling nach Hause. Darunter das Tribut des Sprachpflegers an das Italienische, der Soundtrack zum Aufwachen: "Tutto di tanto di tutti die frutti di latte." Sie bleibt, die Melodie zum Müsli-Mischen.

Veröffentlicht am: 25.07.2012

Über den Autor

Salvan Joachim

Redakteur

Salvan Joachim (1986) ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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spitz
25.07.2012 15:48 Uhr

Leider nicht gerade kompetent, z.B. wird Buchner dieses Jahr 68 Jahre alt... Und wenn ein Autor eine bewundernd demutvolle Haltung mit der kritischen Distanz verwechselt, die ein Journalist einnehmen sollte, dann sollte er lieber Deutsch-Aufsätze korrigieren. Eine Reportage ist kein Erlebnis-Aufsatz, einfach ein paar nebensächliche Anekdoten zu erzählen ist nicht ausreichend.

stumpf
09.11.2012 00:16 Uhr

Finden Sie das den richtigen Weg, um einen jungen, engagierten Autor zu unterstützen? Wie genormt, distanziert und -entschuldigen Sie- seelenlos muss man denn schreiben, um sich das Prädikat "professionell" zu verdienen? Machen nicht die Anekdoten und "Nebensächlichkeiten" den Unterschied zum Allerweltsartikel? So wie in dieser Kritik würde wohl auch jemand kritisieren, der sonst Deutschaufsätze korrigiert...

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