Ohne Ecken und Kanten: Die New Yorker Philharmoniker zu Gast in München

von Volker Boser

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren die amerikanischen Spitzenorchester ihren europäischen Kollegen in punkto Präzision und Virtuosität um Einiges überlegen. Doch das ist vorbei. Auch die New Yorker Philharmoniker, die jetzt in der gut besuchten, aber nicht ausverkauften Philharmonie gastierten, kochen nur mit Wasser – und das auch nicht immer überzeugend.

Die dunkel getönten Klänge, mit denen sie die prächtige Lisa Batiashvili im Violinkonzert von Sibelius begleiteten, besaßen keinerlei Struktur. Dirigent Alan Gilbert verweigerte den Dialog und steuerte das Orchester unspektakulär und indifferent durch die Noten.

Solistische Einwürfe einzelner Instrumente blieben unbeachtet. Die Geigerin war auf sich allein gestellt. Sie spielte perfekt, aber leider auch ziemlich spannungslos: Das Eingangs-Allegro wurde zum Andante gedehnt. Auswirkungen auf den sich anschließenden langsamen Satz, der um Aufmerksamkeit kämpfen musste, konnten nicht ausbleiben. Ein gleich bleibend kräftiger Ton ohne dynamische Abstufungen irritierte zusätzlich. War die Angst vor den akustischen Tücken der Philharmonie zu groß?

Bei Beethovens „Eroica“ machte das Orchester einen weitaus besseren Eindruck. Prächtige Hörner, sensible Holzbläser, energische Streicher – genügend Qualität für eine aufregende Aufführung wäre vorhanden gewesen. Doch New Yorks Chefdirigent Alan Gilbert beließ es bei beschaulich-romantischer Gefälligkeit ohne Ecken und Kanten. Vieles klang nach Schubert. Man muss hier nicht die Faust des Titanen recken. Aber ein bisschen mehr Nachdruck sollte schon investiert werden.

Veröffentlicht am: 15.05.2011

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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