Das Gärtnerplatztheater mit "Cosi fan tutte" im Cuvilliéstheater

Vor kalter Kachel mit Tamtam in Ohnmacht fallen

von Volker Boser

Jennifer O´Loughlin (Fiordiligi), Lena Belkina (Dorabella), Mária Celeng (Despina), Ralf Lukas (Don Alfonso), Dean Power (Ferrando), Andrè Schuen (Guilelmo). Foto: Thomas Dashuber

Aufgeklärte Opern-Besucher wissen es längst: Mozarts „Cosi fan tutte“ ist kein Boulevard-Häppchen, das sich bequem genießen lässt. Zu viel steht zwischen den Zeilen, weniger im Text, der die Treue zweier Paare einer billigen Wette opfert, dafür umso mehr in der Musik, die sich immer wieder auf der Seite der betrogenen Frauen befindet. Für den Dirigenten dieser Neuproduktion des Gärtnerplatztheaters im Cuvillièstheater keine leichte Aufgabe: Zu Beginn flüchten sich Michael Brandstätter und das sehr direkt musizierende Orchester in Aufgeregtheit. Doch spätestens im Abschiedsterzett des ersten Aktes kapituliert die derbe Hektik vor dem schmerzlichen, überhaupt nicht ironisch gemeinten Ernst Mozarts. Musikalisch lässt sich dieser „Cosi“ kaum etwas vorwerfen.

Das liegt auch an den überraschend homogenen Sängern. Die Verantwortlichen des Gärtnerplatztheaters bewiesen einmal mehr ein glückliches Händchen. Jennifer O´Loughlin gelingt die große Arie der Fiordiligi „Come scoglio“ mit hinreißender Überzeugungskraft. Man glaubt ihr, dass sie sich wie Fels den Stürmen der Versuchung widersetzen möchte. Weitaus weniger standhaft darf ihre Schwester Dorabella sein: Lena Belkina macht mit verführerischem Mezzo das Beste daraus. Geradezu rührend ehrlich verströmt Dean Power die Tenor-Innigkeit des Ferrando ("Un´ aura amorosa“), André Schuen strahlt als Guglielmo fast schon verbotene Macho-Sinnlichkeit aus. Dazu Ralf Lukas als souveräner Strippenzieher Don Alfonso und die prächtige Maria Celeng als Despina, die sich diesmal nicht soubrettenhaft niedlich, sondern als graue Maus präsentiert – gesanglich gibt es nichts auszusetzen.

Wohl aber an der Inszenierung: Regisseur Olivier Tambosi hat sich von Bengt Gomér einen kalt gekachelten Bühnenraum mit weiß gefliesten Wänden bauen lassen. Man will zeigen, dass die Geschichte zeitlos ist. Beide Damen sind vorwiegend knallrot gekleidet, mal Ballkleid, mal Hosenanzug. Die Männer präsentieren sich faschingsgerecht albern mit Burnus, Kaftan und angeklebtem Schnurbart (Kostüme: Carla Caminati). Die Zeichen stehen auf Komödie, bisweilen auf Klamauk. Der Chor wirft Konfetti in die Luft. Die Damen fallen mit Tamtam in Ohnmacht. Die Männer benehmen sich wie auf dem Hühnerhof. Dass am Ende, wenn sich die „vertauschten“ Paare wieder zusammenfinden, nichts mehr so ist wie früher, lässt sich kaum erahnen.

„Cosi fan tutte“ ist eine ziemlich zynische Parabel über Untreue und Austauschbarkeit von Gefühlen. Was szenisch im Cuvillièstheater zu sehen ist, erinnert an einen Theaterschwank von Feydeau. Als ob von der Heiterkeit eines „Floh im Ohr“ Mozarts „Cosi“-Geheimnisse nicht meilenweit entfernt wären.

Bis 27. Juli 2015; Karten unter 089/2185 1960

Veröffentlicht am: 15.06.2015

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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