Seefestspiele in Mörbisch

Mit Berliner Charme im Burgenland

von Volker Boser

Ouverture "Eine Nacht in Venedig". Foto: Seefestspiele Mörbisch

Es werde sich schon ein Plätzchen finden, wo er das Papier „hinstecken“ könnte - da war er wieder ganz der alte Grantler. Zwanzig Jahre lang leitete Harald Serafin die Seefestspiele im burgenländischen Mörbisch, nahe der österreichisch-ungarischen Grenze. Er machte sie zum „Mekka der Operette“. Aber immer noch hat er sich nicht damit abgefunden, dass es ihm nicht gelungen ist, Sohn Daniel als seinen Nachfolger durchzuboxen. Seit drei Jahren leitet die deutsche Sopranistin Dagmar Schellenberger das ambitionierte Festival. Allen Unkenrufen zum Trotz, mit Erfolg: Nach verwackeltem Start mit Millöckers „Bettelstudent“ wurde das Musical „Anatevka“ im letzten Jahr mit insgesamt 168.000 Besuchern zum unerwarteten Hit, den die resolute Chefin aus Sachsen diesmal mit der Strauß-Operette „Eine Nacht in Venedig“ sogar noch übertreffen möchte. Vor der Premiere überreichte sie dem angereisten Oldtimer Serafin noch schnell die Mörbischer Ehrenmitgliedschaft – eben jene Urkunde, für die der mittlerweile 83jährige jetzt das passende Örtchen sucht.

Operette pur – das war die Devise von Harald Serafin. Und daran hält sich auch Dagmar Schellenberger. Gleichwohl hat sie sich mit der „Nacht in Venedig“ auf vermintes Terrain begeben. Denn Regisseur Karl Absenger ist ein eher durchschnittlicher Arrangeur, aber kein phantasievoller Gestalter. Weil die Verwechslungskomödie nicht abendfüllend ist, durfte der Wiener Kabarettist Joesi Prokopetz, der auch mitspielt, zusammen mit dem Regisseur eine neue, ausgiebige Textfassung herstellen. Sie ist von gnadenloser Langeweile und unterbietet in den gelegentlich eingestreuten Endreimen mühelos das Niveau einer Mainzer Karnevalssitzung.

Statt Wiener Schmäh erwartet den Besucher eine opulente Bühnenshow, deren optische Eindrücke zumeist überwältigen. Erstmals kommt in Mörbisch eine riesige Drehbühne zum Einsatz. Sie verwandelt in kürzester Zeit eine venezianische Häuserfassade in ein gigantisches, variabel bespielbares Kreuzfahrtschiff. Operettenbedingt ist dessen Kapitän ständig auf der Suche nach erotischen Abenteuern. Herbert Lippert singt die wunderbaren Ohrwürmer dazu sehr kultiviert und bringt seine großen Erfahrungen ein. Optisch scheint er als Frauenverführer eher gewöhnungsbedürftig.

Moderne Zeiten erfordern modernes Equipment. Auch auf der Bühne ist das Handy stets einsatzbereit. Da die Originalmusik nicht mehr hergibt als allenfalls eine gute Stunde, hat man sie mit einem Bündel anderer Werke von Johann Strauß „gedehnt“. Dagmar Schellenberger kichert als ungetreue Senatorsgattin Barbara das „Schwipslied“ herzallerliebst. Die bunten Balletteinlagen werden mit der Polka „Auf der Jagd“, dem „Vergnügungszug“, dem „Banditengalopp“ und einer schmählichen Kurzfassung des „Kaiserwalzer“ aufgemöbelt, was allenfalls bei einem arglos-naiven Publikum ohne schädliche Nebenwirkungen bleiben dürfte.

Dirigent Andreas Schüller stammt aus Berlin, und das hört man leider auch, trotz des guten Orchesters. Der Musik fehlt jene Lässigkeit, die ihren Charme ausmacht. Gesungen wird angemessen, etwa von Elena Puszta (Annina) oder Verena Barth-Jurca (Ciboletta). Einsame Spitze aber ist das hinreißende Bühnenbild von Walter Vogelweider – und natürlich auch das nach dreieinhalb Stunden sehnlichst erwartete Feuerwerk. Allein dieses Spektakel lohnt die Reise nach Mörbisch. Wenn nicht jetzt, dann eben 2016: Da gibt es Paul Abrahams „Viktoria und ihr Husar“.

Bis 22. August 2015; Info unter www.seefestspiele-moerbisch.at.

Veröffentlicht am: 17.07.2015

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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