Netrebkos Liebestrank im Nationaltheater

von Volker Boser

Für die Opernfans war es wie Weihnachten: Anna Netrebko zu Gast in einer Repertoirevorstellung von Donizettis „L´elisir d´amore“ – schon am Marienplatz wurde man nach Karten angesprochen. Seit Wochen sind die drei Abende mit ihr restlos ausverkauft. Und das zu Recht.

Ein Festival im Nationaltheater: Anna Netrebkos Stimme ist zwar etwas dunkler, wohl auch schwerer geworden. Doch der künstlerische Ernst, mit dem sie ihren musikalischen Part ablieferte, war von grandioser Eindringlichkeit. Da wurde nirgends gemogelt. Es gab herrlichste Mezza-Voce-Passagen zu bestaunen – so gesungen bekommt die Rolle der zunächst störrischen und dann liebenden Adina eine unnachahmliche Überzeugungskraft.

Die russische Diva hatte alles im Griff, gelegentlich auch ihren Partner Matthew Polenzani (Nemorino),  der sich aber immer wieder aus der Umklammerung lösen konnte. Er verkroch sich keineswegs ängstlich, sondern nahm die Herausforderung an und avancierte dabei sogar zum Publikumsliebling. Wohl auch deshalb, weil er nicht nur ansprechend sang, sondern auch überzeugend agierte: Erst schüchtern, dann immer aufmüpfiger – sogar im Unterhemd, mit neckischem Hüftschwung, war er zum Knuddeln.

Von so viel Spielfreude ließen sich die Übrigen gerne anstecken: Fabio Maria Capitanucci als lüsterner Macho Belcore, Alessandro Corbelli als cleverer Quacksalber Dulcamara und die allerliebst schusselige Tara Erraught als Giannetta – sie alle garantierten einen großen Opernabend. Nur Dirigent Marco Armiliato und das lustlose Staatsorchester störten die prächtig gesungene Aufführung immer wieder durch anfechtbare Nebelaktionen.

Beim Schlussgesang des Dulcamara „Ei corregge ogni difetto“ drohte sogar ein böser Crash, weil man sich nicht auf das Tempo einigen konnte. Wenigstens dafür sollten sich die Beteiligten vor einer Vorstellung ein paar Minuten Zeit nehmen.

 

Veröffentlicht am: 13.05.2011

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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