Nachtrag zur Ballettfestwoche: Klamauk mit Zeigefinger bei "Babel (Worte)" von Sidi Larbi Cherkaoui

von Volker Boser

Sozialkritisch aufgerüstet: Babel (Worte). Foto: Koen Broos

Gut gemeint, virtuos präsentiert - und mindestens eine halbe Stunde zu lang: Seit einem Jahr tingelt der marokkanisch-flämische Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui mit seiner aktuellen Produktion „Babel (Worte)“ durch Europa – Grund genug für Ivan Liska, die Compagnie zur Ballettfestwoche ins Nationaltheater einzuladen. Es wird viel geplappert, tüchtig gerannt und gelegentlich auch eindringlich getanzt. Dazu erklingen, von fünf Musikern wohl authentisch vorgetragen, orientalische Melodien und Gesänge.

Multi-Kulti heißt die Devise. Die Botschaft ist klar. Ihre Penetranz nervt: Nur gemeinsam können wir es schaffen.

Zusammen mit seinem Co-Choreographen Damien Jalet outet sich Cherkaoui in „Babel“ als hoffnungsfroher Bastler an der Quadratur des Kreises. Wie funktioniert die Welt? Wie lassen sich achtzehn Tänzer aus dreizehn Ländern mit fünfzehn Sprachen und den unterschiedlichsten religiösen Wurzeln unter einen Hut bringen?

Auf der Bühne des Nationaltheaters so: riesige dreidimensionalen Rahmen (Antony Gormley) dienen als Räume der Zuflucht. Sie werden aufgeteilt, in Besitz genommen, geben Sicherheit, aber auch das Gefühl der Enge. Persönliche Freiheiten geraten in Gefahr. Konflikte sind programmiert - wie das Leben so spielt.

Multi-Kulti! Foto: Koen Broos

Derart sozialkritisch aufgerüstet, entwickelt sich das Bühnengeschehen mit hartnäckig erhobenem Zeigefinger. Eine synthetisch anmutende Dame stöckelt durch den Raum. Sie lässt sich durch Berührung manipulieren, was zwei Asiaten zum Gaudium des Publikums lustvoll auskosten. Klamauk darf sein, wenigstens im Konzept von Sidi Larbi Cherkaoui.

In einem Pas de deux verführt eine barbusige Schönheit (Navala Chaudhari) ihren Partner, bis dieser erschöpft zu Boden sinkt. Dass sich Männer gelegentlich wie Affen im Zoo gebärden, Amerikaner arrogant und Südländer schwatzhaft sind – wer hätte das nicht schon vorher gewusst. Nichts Neues, was uns Cherkaoui da eklektisch unter die Nase hält.

 

Veröffentlicht am: 05.05.2011

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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