Folklore-Show und Tanz-Intensität: John Neumeiers "Schwanensee" zur Eröffnung der Ballettfestwoche

von Volker Boser

Dancing Queen: Tigran Mikayelyan als Ludwig II. Foto: Wilfried Hösl

Damals, 1976, war es ein großer Coup. Denn keiner war bis dahin auf den Gedanken gekommen, den Prinzen Siegfried aus Tschaikowskys „Schwanensee“ - Ballett als eine russische Kopie des bayerischen Märchenkönigs zu präsentieren. Glaubt man den Annalen, hatte Ausstatter Jürgen Rose die Idee dazu. Nach einem Besuch von Neuschwanstein und Herrenchiemsee gab es für ihn und John Neumeier kein Halten mehr. „Illusionen – wie Schwanensee“ wurde ein Hit, der jetzt zur Eröffnung der Ballettfestwoche an den Ort zurückkehrt, wo er hingehört – ins Münchner Nationaltheater.

Ein Kunstgriff: denn dort gibt sich der Märchenkönig nach dem Willen des US-Choreographen dem Traum einer privaten „Schwanensee“ -Aufführung hin. Theater im Theater: John Neumeier zeigt den traditionellen zweiten Akt in der Original-Choreographie von Lew Iwanow. Ludwig schlüpft in die Rolle des Prinzen. Die vier kleinen Schwäne entzücken.

Ansonsten heißt es umdenken. In Rückblenden erinnert sich der für wahnsinnig erklärte und eingesperrte König an das, was ihn am Leben verzweifeln ließ: die homoerotischen Neigungen, die Unfähigkeit, sich seinem Volk zu nähern. Dabei folgt ihm auf Schritt und Tritt ein „Mann im Schatten“, Freund und Feind, dem er letztlich erliegt.

Dieser Schluss-Pas de deux gehörte zu den Highlights der Aufführung, weil Tigran Mikayelyan (Ludwig II) und Marlon Dino hier mit kaum zu überbietender Intensität tanzten. Kurz zuvor hatte Lucia Lacarra als Ludwigs Verlobte Natalia eine weiteren Höhepunkt gesetzt, als sie zu einem Andante aus Tschaikowskys „Hamlet“ - Musik mit bewegenden Gesten ein letztes Mal um ihre Liebe kämpft.

Daria Sukhorukova zeigte als Prinzessin Odette erneut ihr Riesentalent. Dass die bekannten „Schwanensee“ -Melodien ein wenig durcheinander gewürfelt waren, irritierte kaum. Eher schon, dass sich das Staatsorchester unter Michael Schmidtsdorff allzu sehr auf die Überzeugungskraft seines Violin-Solisten (Markus Wolf) verließ.

Im Ensemble des Staatsballetts gab es anfangs mehr Schatten als Licht, kein Wunder. Denn wie Neumeier ein bayerisches Richtfest als biedere Folklore-Show brüskiert, ist nun wirklich nicht sonderlich animierend.

Veröffentlicht am: 23.04.2011

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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