Bewegende Stille

von Salvan Joachim

Reifeprüfung: "Post-Dubstep-Pianist" James Blake wagt den Schritt vom Studio auf die Bühne. (F: S. Joachim)

Überflieger oder überschätzt? Seit der Veröffentlichung seines selbstbetitelten Debütalbums im Februar ist James Blake das gefeierte Wunderkind. Hörer mit unterschiedlichsten musikalischen Vorlieben können sich auf ihn einigen, denn seine fragile Stimme, die simple Klavierbegleitung und die tiefenbetonten Dub-Step-Elemente faszinieren. Im Atomic Café bewies er sein Können auch live.

Ganz der Brite, wie man ihn sich hierzulande vorstellt, hat er eine Tasse Tee in der Hand, als er die Bühne betritt. Vorsichtig stellt er sie neben den Wasserflaschen und Effektgeräten unter dem Synthesizer ab. Sofort senkt er den Blick auf die Tasten. Nur für ein knappes „Thank you“ zwischen jedem Lied blickt er kurz ins Publikum. Man könnte meinen, er habe sich noch nicht recht an das Scheinwerferlicht gewöhnt, saß er doch noch vor ein paar Monaten alleine hinter dem aufgeklapptem Laptop und experimentierte im Stillen an seinem nun so hochgelobten Sound.

James Blake hat das weiche Gesicht eines Gymnasiasten, der Seitenscheitel verleiht ihm das Antlitz des Musterschülers. Hinter seiner Unschuldsmine steckt ungeahnte Tiefe. Der erst 22-Jährige ist ein Mann der großen Gefühle. Und er besingt an diesem Abend Liebe, Schmerz und Einsamkeit, ohne ins Pathos zu verfallen.

Tauscht für das Feist-Cover "Limit to your Love" die Gitarre gegen den Sampler: Rob McAndrews (Foto: S. Joachim)

Minimalismus ist sein Prinzip. James Blake reichen zwei Zeilen für ein ganzes Lied: „My brother and my sister don't speak to me/ but I don't blame them“ singt er in „I never learnt to share“ und verzichtet auf Singer-Songwriter-Songstrukturen mit Strophe und Refrain. Die Wiederholung der immer gleichen Sätze rückt den Song in die Nähe vieler elektronischer Musikformen. Doch die musikalische Begleitung ist alles andere als repetitiv. Sie erinnert an ein klassisches Drama: James Blake beginnt leise, verdreifacht dann seine eigene Stimme in unterschiedlichen Tonlagen. Er wirbelt Synthie-Fetzen durch den Raum, bis Gitarrist Rob McAndrews den einen hohen Ton anschlägt, der das Lied nicht abschließend krönt, sondern den verdrängenden und beschönigenden Textzeilen eine Art Nervenzusammenbruch entgegensetzt. Die Spannung ist kaum erträglich.

James Blake erhebt die Pause zur Kunstform. (Foto: S. Joachim)

Ein Ausweg scheint nicht in Sicht, doch langsamer und leiser werdend zieht sich der geläuterte James Blake wieder zurück auf festen Boden. Auch der Gitarrist verstummt und das Publikum applaudiert. „Geile Sau“ schallt es erleichtert durch den Club. Die Übersetzung „Horny pig“ verunsichert James Blake: „That message must be lost in translation“, sagt er und blickt fragend zu seinen Mitmusikern, die lächelnd die Achseln zucken. Neben dem Gitarristen sitzt noch Ben Assiter hinter dem Schlagzeug. Es ist für das Publikum geradezu befreiend, wenn ab und an ein gerader, klarer Beat durch das Atomic Café dröhnt. Dann bewegen sich die Beine.

James Blake ist in einem Alter, in dem es vielen nicht schnell genug gehen kann. Hinzu kommt die Heroisierung durch die Musikkritik und das ungewohnte Tourleben. Doch auch live beweist er den Mut zur Stille, für den er auf seinem Album so gelobt wurde. Er erhebt die Pause zur Kunstform.

Seine Schüchternheit auf der Bühne mag ein wenig Attitüde sein. Vielleicht ist es auch der nötige Selbstschutz aus Angst, das Opfer eines kurzfristigen Medienrummels zu werden. James Blake findet seinen eigenen Stil, indem er sich in der Musik hinterfragt. Der letzte Song „The Wilhelm Scream“ erzählt davon, sich selbst fremd zu werden, sich nicht an seine Träume erinnern zu können, keine Liebe zu spüren und nur noch zu fallen: „I'm falling, falling, falling, falling.“ Das Publikum lässt sich gerne mitreißen.

Veröffentlicht am: 19.04.2011

Über den Autor

Salvan Joachim

Redakteur

Salvan Joachim (1986) ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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