Es ist Zeit, zu verurteilen - Vatermord im Volkstheater

von Jan Stöpel

Wohnen kompakt beim Vatermord Foto: R.Arnold/Centraltheater

Auf einem Trip in die deutsche Befindlichkeit: Mit seiner Inszenierung von „Vatermord“ nach dem Stück von Arnolt Bronnen sprengt Robert Borgman ein Stück, das seinerseits den Rahmen sprengte. Eine verstörende, manchmal sperrige Collage, deren Teile der Zuschauer vielleicht noch Tage später in sich zusammenzufügen sucht. Nichts für Theaterflaneure, dieses Gastspiel des Centraltheaters Leipzig beim Festival „Radikal jung“.

Man stelle sich eine Wohnung vor, die durch eine Blechpresse zu einem kompakten Quader zusammengedrückt wurde: Schränke, Konsolen, Tische, Sessel, alles zu einem irrwitzigen Wohnwürfel verdichtet (Bühne: Susanne Münzner), in dem die Akteure von „Vatermord“ herumturnen und alltägliches verrichten: Fernsehen, Zeitungslesen, ein schnelles „Vaterunser“ vorm Essen unterbricht das Radio, aus dem Eros Ramazotti in Endlosschleife schmachtet. Ein Kunst-Zustand, der von einigen Schüssen durchbrochen wird. Dass niemand in diesem Möbelgeschachtel vom Tod des anderen Notiz nimmt, macht klar, wie künstlich und leblos die Existenz dieser Wesen war: Mords-Avatare in einer virtuellen Welt, zu der wir trefflich Distanz halten können. Doch das wird sich gleich ändern...

Janine Kreß, Marek Harloff Foto: R.Arnold/Centraltheater

Hatte bislang der Zuschauer von der Höhe der hinteren Ränge wie in einem Guckkasten auf das Treiben geblickt, wird er nun aus dem Zuschauerraum geleitet, um im hinteren Bereich der Bühne wieder Platz zu nehmen. Fast schon überwältigend ragt nun der Wohnwürfel vor uns auf. Und das zusammengepresste Gebilde wirkt auf einmal wie die geballte Masse, die gleich in einem Urknall zu einem Universum auseinanderspritzen wird, in diesem Falle ein Universum aus Erinnerungen, Traumata, Geschichte, Befindlichkeit – deutscher Befindlichkeit. Arnolt Bronnens erfolgreiches Drama aus den 20er Jahren liefert dabei das Gerüst dieses expressiven Bilderbogens: Vater hat für Sohn große Zukunft im Sinn, Sohn will Bauer werden, schwuler Freund destabilisiert das schwankende Familiengefüge weiter, Mutter kann dem Chaos nicht steuern. Regisseur Robert Borgmann entnimmt daraus überdies das Motiv des Vatermords: Man unterdrückt einander, man tötet einander, in symbolischer, in wirklicher Form, in Zeiten des Krieges, in den 60er Jahren, in der DDR, im Westen, in der Kunst, in der Sexualität, in der Gestalt des leiblichen Vaters, in der Beziehung mit dem Vater-Land.

Es ist Bernd Stübner vorbehalten, die Motivschiene zu legen. Gegen Ende des ersten Teils erscheint er neben dem Wohnwürfel auf der Bühne und spricht die Worte aus Schillers Räubern: „Sei mir gegrüßt, Vaterlandserde! Vaterlandssonne!“ So leise spricht er die Worte, dass man sich förmlich vorbeugen muss, um sie zu verstehen. Ein Augenblick, der andeutet, wie sehr uns die Sache noch angehen wird.

Stübner leitet mit diesen Worten auch in den zweiten Teil. Gesprochen hat er sie, so erzählt er in einer der dichtesten Szenen des Abends, bei einem Gastspiel des Centraltheaters in Deutschland West. Verschleppt hat er die Worte Schillers, auf dass der Begriff Vaterland einen neuen Sinn ergebe – bei der Rückkehr in die DDR droht daher ernster Ärger. Später wird er neben dem Würfel Platz nehmen, an einer Nähmaschine, mit der er Fotos der Geschichte zu einem Bilderbogen zusammenfügt. Ein Verfahren, das mitunter auch an Borgmanns Regiearbeit erinnert: Man sieht ab und zu die Nähte, mit denen dieser bilderstrotzende Abend zusammengefügt ist.

Ist ja auch schwierig, das ganze in einem Fluss zu zeigen. Texte, Klänge, Personen der Geschichte treten in einen neuen Zusammenhang. Wagner trifft auf die Doors: „This is the End. My only friend, the end“. Man kann nicht anders, man denkt an Apokalypse Now. Die bricht ja denn auch vollumfänglich über das Bühnengewirr herein. Es treten auf: Hannah Arendt und Martin Heidecker, Goebbels und die beiden Georges, Ulrike Meinhoff und Andreas Baader, Rotkäppchen und der böse Wolf, Adolf Hitler auf dem Dreirad (auch er Sohn eines dominierenden Vaters), und Joseph Beuys führt durch das Programm. Es spritzt das Blut und der Gemüseeintopf, es schäumt das Bier, man hört Hölderlin und Hesse, Schiller und Schleef: „Ich hasse meine Eltern nicht. Ich hasse das in mir was ich bin aus ihnen geworden.“

Es fällt, als Gemälde von Caspar David Friedrich, die Goethe-Eiche von Buchenwald (der einzige Baum, den die Nazis im KZ hatten stehen lassen); sie wird zum Floß, auf dem sich die Akteure zu retten versuchen: Unser Bildungsgewissheiten als schwankendes Rettungsvehikel auf bewegter See.

In diesem Assoziationsgewitter, vom Regisseur durchaus als „Kreuzweg“ durch die immer sich wiederholenden Zyklen der Geschichte gemeint, haben es schauspielerische Nuancen manchmal schwer, weswegen man dem Stück in nicht immer gleicher Konzentration folgt. Janine Kress gibt die Mutter mal als kalte Iokaste, mal als naives Rotkäppchen. Okka Hungerbühler ist die Tochter, Hannah Arendt und vieles mehr, eine Gestalt zwischen comicartiger Nervensäge und stillem Duldertum. Kontraste und harte Brüche ziehen sich durch den Abend.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen naturgemäß Thomas Lawinky als Vater – ein roher und doch sensibel gespielter Erzeuger und Marek Harloff als Sohn, der seinen Vater auf vielerlei Arten bekämpft und endlich tötet. „Ich muss, ich muss, ich muss“ stößt er immer wieder hervor, so oft, dass sich die Sätze wie eine Schraube ins Hirn drehen, ein lethaler Imperativ, der seinen Vater schließlich entschlafen lässt. „Ich verurteile“, schrieb Bronnen einst und klingt wie ein Anti-Zolá: „Anzuklagen brauchen wir nicht. Wir selbst sind die Anklage. Wir sind eine furchtbare Anklage gegen die Unterdrücker der Jugend. Wir haben lange genug angeklagt. Jetzt ist es Zeit, zu verurteilen. Wir müssen eine große Abrechnung halten. An den Kragen müssen wir ihnen! Wir müssen das Alter aus der Jugend herauswerfen! Es muss nun angefangen werden. Kein Mittel darf uns zu schlecht sein.“ Eine harte Ansage, der Regisseur Borgmann jedoch die Spitze nimmt. Der Sohn umarmt den gemordeten Vater. Wir bleiben, so scheint es, für immer an die Vergangenheit gekettet. Viele Fenster hat dieser Bilderbogen, sie öffnen sich in unser Innenleben, in das von uns Söhnen und Vätern.

Veröffentlicht am: 17.04.2011

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