Die Tragödie der Namenlosen - zur heutigen Horváth-Premiere am Volkstheater

von Gabriella Lorenz

"Eine Unbekannte aus der Seine" Foto: Arno Declair

Um 1900 fischte man eine Wasserleiche aus der Seine. Der Gesichtsausdruck der schönen jungen Frau war so friedlich und lächelnd, dass der Leichenbeschauer eine Totenmaske anfertigte. Deren Abgüsse wurden ein Verkaufsschlager und hingen in vielen Wohnzimmern. Die nie identifizierte Selbstmörderin ging als „Die Unbekannte aus der Seine“ in die Geschichte ein und inspirierte einige Schriftsteller zu Spekulationen über ihr Schicksal, darunter auch Ödon von Horváth. Im Volkstheater inszeniert Anna Bergmann sein Stück „Eine Unbekannte aus der Seine“ von 1933. Xenia Tiling spielt die Titelrolle, heute ist Premiere.

Anna Bergmann war 2010 eingeladen zum Festival „Radikal jung“ mit ihrer „Bunbury“-Inszenierung vom Thalia Theater Hamburg. Eine Arbeit, die sie selbst für misslungen hält und das in einem SZ-Interview auch unverhohlen äußerte. Die 32-Jährige redet gern frisch und frei von der Leber weg. Auf die Frage, wie sie zum Theater gekommen sei, lacht sie laut: „Na, der Liebe wegen.“ Mit 15 verknallte sie sich „unsterblich“ in einen Schauspieler des Theaters Stendal, der ihre erste große Liebe wurde. Natürlich wollte sie zunächst auch Schauspielerin werden, bis sie nach einigen Vorsprechen merkte, dass sie lieber eine Figur entwickeln als nachspielen wollte. Nach dem Regiestudium in Berlin war sie schnell gut im Geschäft, inszenierte in Berlin, Hamburg, Lübeck, Bochum und Oldenburg. Dort hat sie 2007 schon Horváths „Kasimir und Karoline“ auf die Bühne gebracht. Was sie an dem Autor Horváth toll findet: „Wie er Figurenkonstellationen beschreibt und fast klassisch die Konflikte des Ausgestoßenseins aus der Gesellschaft verhandelt.“

Ausgestoßen ist hier der junge Spediteur Albert, entlassen wegen Veruntreuung und verlassen von seiner Verlobten Irene, die einen Neuen hat. Ihm begegnet plötzlich eine namenlose Frau, die ihm bedingungslos ihre Liebe anträgt. Und das tödlich bekräftigt: Albert hat einen Raubmord begangen, sie könnte es bezeugen. Um ihn niemals zu verraten, bringt sie sich um.

Anna Bergmann interessiert auch die Mystik des Stückes: „Wo kommt die Unbekannte her? Ist sie ein Engel, vielleicht ein Schutzengel? Das macht Raum auf für viele Assoziationen.“ Sie versteht die Figur frei von realen Anbindungen als großes Fragezeichen. Dass Bergmann mit eigenen Text-Zusätzen suggeriert, die Unbekannte prostituiere sich, soll die Sicht der anderen auf sie hinterfragen: „Sie bietet sich an, aber sie nimmt nie Geld. Für mich ist sie eine Frau mit großem Herzen, die von allen verkannt wird, weil sie sich auf der Suche nach Nähe selbst verschenkt und vergeudet.“

Horváth nennt sein Stück eine Komödie, obwohl es wie alle seine Stücke eine Tragödie ist. „Man muss diese Tragödie todernst nehmen und spielen, dadurch können komische Momente entstehen,“ sagt Anna Bergmann. Was sich an der Horváth-Quellenlage so verändert hat, dass der jahrzehntelang bekannte Titel „Die Unbekannte aus der Seine“ seit einer Schaubühnen-Aufführung 2000 nun „Eine Unbekannte aus der Seine“ heißt, weiß die Regisseurin auch nicht. Aber sie hat sich für die neue Variante entschieden, weil es die Titelfigur anonymer und offener für Assoziationen lässt. Die Seine fließt im Volkstheater natürlich durch München. An München, das sie als „schön und angenehm“ empfindet, fällt Bergmann auf, dass sie hier weit weniger Straßenbettler sieht als in Berlin. Im Foyer wird eine Fotoausstellung von Manuel Braun die Hauptdarstellerin Xenia Tiling als vielleicht tote Bettlerin im offenen Stadtraum zeigen und damit auch die Totenmaske als Kunstobjekt thematisieren Der Verkaufserlös geht an obdachlose Frauen.

Volkstheater, Premiere am heutigen Freitag, 19.30 Uhr, Tel. 523 46 55

Veröffentlicht am: 18.03.2011

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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