Radikal Jung 2016 am Volkstheater - die Bilanz

Ein Champion ist der Sieger

von Jan Stöpel

Eindrucksvoll: Mathieu Létuvé holte mit "Raging Bull" den Publikumssieg. Foto: Leclrec & Cielat

Ein Box-Champion mit vielen Fans: "Raging Bull", die Geschichte von Jake LaMotta in der Inszenierung des Caliband Theatre aus Rouen, wurde vom Publikum zum Sieger von Radikal Jung 2016 gewählt. Für heuer ist das Festival Geschichte - welche Zukunft aber hat Theater? Eine Woche Standortbestimmung einer Kommunikationsform. Wir ziehen Bilanz.

Der Sieger

Die Geschichte eines Kinds aus schwierigen Verhältnissen, dessen Antrieb die Wut ist: Das ist "Raging Bull", die Geschichte des Box-Champions Jake LaMotta. Was Mathieu Létuvé da zusammen mit einem Tänzer und einem DJ auf die Bühne brachte, war süffiges, spannendes Theater: Eine Lebensbeichte, mit Wucht und allem Mut zum Pathos herausgeschleudert. Wie's im Kulturvollzug hieß: Eine Geschichte wie ein Boxhieb ins Gesicht. Chapeau!

Ein Lichtblick?

So begann das Festival: mit Theater ohne irgendwelche Schauspieler. Ihre Lichterchoreographie von an- und ausgehenden Scheinwerfern, die in der Erscheinung einer Lichtsäule gipfelten, nannten Gregor Glogowski, Alisa Hecke und Benjamin Hoesch vom Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen "Fllimmerskotom", nach einer Beeinträchtigung der Sehkraft durch eine Störung der Netzhaut. Eine Woche nach dem "Theater auf dem Nullpunkt" (so heißt es im Festivalbuch) ist es Zeit, den Lichterreigen nochmals Revue passieren lassen: Brannte sich ein, hinterließ eine Vielzahl kleiner schwarzer Punkte auf der Netzhaut des Publikums. Aber auch das ist schon wieder vorbei.

Die Verweigerer

Monster Truck inszenieren "Regie 2" - und verweigern, kaum, dass das Publikum im Volkstheater Platz genommen hat, jegliche "künstlerische Intervention". Heißt: Kein Theater in diesem Theater, sucht euch bitte ein anderes Haus. Die Fahrer der beiden bereitgestellten Busse wenigstens waren eingeweiht - und fuhren uns zum Olympiagelände. In der Halle dort gab es die "Night of the Jumps" zu bestaunen, mit Motorradfahrern, die im gewaltigen Satz über riesige Rampen waghalsigste Akrobatik aufführen. Ist ja auch eine Inszenierung, diese Motor-Show. Und: Wer hätte gedacht, dass Marcel Duchamps Idee vom Readymade, vom vorgefundenen und in einen neuen Zusammenhang gestellten Kunstwerk, so einfach ins Theater zu überführen sei?

Die Geschlechterrolle

"Christian // schwenks inszenieren J.U.D.I.T.H." So heißt es lapidar im Festivalbuch. Was einem zeigt, dass man auch einem Festivalbuch nicht immer ganz über den Weg trauen kann. Denn eine Inszenierung, von einem Hebbel-Stück namens "Judith" zumal, war's natürlich nicht. Wir hörten Partikelchen, beziehungsweise Inhaltsangaben aus Hebbels Theater-Text, konterkariert mit dem, was man auf der Bühne des Nachtkasterls sah. Dort präsentierten sich Isabel Schwenks und Marja Christians mal mehr, oft weniger bekleidet, mal mit, mal ohne brünette Schamhaarperücke, und zeigten, was man mit Dildos für lustige Sachen abseits des ursprünglich geplanten Verwendungszwecks machen kann. Wer hätte gedacht, dass ein Mensch mit sechs, sieben auf den Rücken geschnallten Gummipenissen wie ein Urzeitmonster aussehen kann? Und: Ob Hebbel bewusst gewesen ist, dass die an sich grammatikalisch korrekte Zeile "Holofernes zog das Schwert aus seiner Scheide" einen auf ganz seltsame Gedanken über die biologische Ausstattung des Feldherrn bringen konnte? Nach einer Pause setzte sich dieses Spielchen um Geschlechterrollen und -stereotype mit einem Publikumsgespräch im Dunkeln fort. Und dieser Austausch im Darkroom endlich brachte Erkenntnisse. Das Publikum sprach aber nicht so sehr über Gender-Themen, als vielmehr darüber, wie man adäquat auf verstörende Geschehnisse auf der Bühne reagiert. "Ich habe auch festgestellt, dass ich mit verschränkten Armen hocke", bekannte einer. "Danach habe ich versucht, cooler dazusitzen." Das Publikum unter Beobachtung? Die Zuschauer als Teil der Inszenierung? Na klar, und so wird es bleiben, egal was sich Regisseure noch einfallen lassen. Die Studenten der Meisterklasse kürten die Performance zu ihrem Liebling.

Mit aller Körperlichkeit: Katharina Bach und Alexej Lochmann. Foto: Birgit Hupfeld

Die Erzähler

Es geht auch anders, vertraut sogar, mit einer Erzählung und Schauspielern, die - im klassischen Sinne - noch Interesse und manchmal sogar Sympathie für ihre Figuren aufbringen. Das zeigten neben Létuvés "Raging Bull" Kenan Karaca mit seiner Fassbinder-Adaption "Katzelmacher" (Volkstheater), Daniel Förster mit seinem "Fräulein Julie" vom Schauspiel Frankfurt und Florian Fischer, der für das Nationaltheater Mannheim ein neues Stück von Ewald Palmetshöfer inszeniert hat: "die unverheiratete", ein dramatisches Gedicht über drei Generationen, über Schuld und Unglück. Zwei Gegenpole: "Fräulein Julie" und "die unvereiratete". Auf engem Raum, auch zur Decke hin begrenzt, weil auf dem Dach eines Behältnisses stattfindent, das an die Blech-Unterbringungen für Müllcontainer erinnerte, zergliederten in Försters Arbeit drei gute Schauspieler die Seelen ihre Figuren. Ein Kammerspiel, in dem die Akteure freilich auch immer wieder aus der Rolle fallen durften. Ein sehr körperliches Spiel vor allem von Alexej Lochmann und Katharina Bach, man durfte sich ganz nah im Zentrum des Gefühlsgewitters von Strindberg wähnen. Der Abend beschäftigt einen vermutlich länger als so manche avantgardistische Arbeit. Dafür gab's die Auszeichnung der Kritiker.

Fischers Inzenierung dagegen: mit einigem technischen Aufwand, mit einer Tiefe des Raums, in der die Schauspieler nicht nur einfach in den Hintergrund traten, sondern verloren zu gehen drohten. Drei Generationen machen sich an die Bestandsaufnahme ihrer Gegenwart und verstricken sich unweigerlich in der Vergangenheit. Die Großmutter hat in den letzten Tagen des Krieges einen Deserteur verraten, diese tödliche Denunziation lastet und zehrt an ihr - und letztlich an der Familie bis ins dritte Glied. Ragna Pitoll als "Die "Mittlere", Hannah Müller als die "Die Junge" und Elke Twiesselmann als "Die Alte" geben da drei Generationenportraits Farbe und Konturen: Twiesselmann spielt eine resolute, aber liebevoll scheinende Großmutter, deren Stärke nur Oberfläche ist - hinter der Fassade ist sie zerbrechlich. Pitolls "Mittlere" wiederum ist eine Frau, die nur ein wenig eilig und geschäftig wirkt, aber eine ganz entspannte, kumpelhafte Mutter sein könnte, wenn da nicht harte Züge wären und ein Anflug von Zynismus. Und Hanna Müller? Gibt eine recht selbstbewusste Tochter, die Spaß am Leben zu haben scheint und von Sex regelrecht besessen ist. Bis man entdeckt, dass auch sie auf schwankendem Grund steht. Irgendwas stimmt bei allen diesen Frauen nicht...

Schrecken der Vergangenheit: Elke Twiesselmann als "Die Alte". Foto: Christian Kleiner

Wie die Schauspieler den Zeitschichtungen Gestalt geben, gehört zu den Stärken dieser Inszenierung. Eine Stärke eines ausgebildeten Schauspielers besteht auch in der Kraft und Verständlichkeit der Stimme - was in diesem Falle auffällt, weil zur Inszenierung auch vier Laienschauspielerinnen gehören: die "Hundsmäuligen", so etwas wie Rachegeister, Berichterstatter, Mitpatienten und Chor. Allerdings sind sie mitunter schwer zu verstehen. Was auch an der extrem sperrigen Sprache von Palmetshöfer liegt - meistens  unvollständige Sätze, aus denen Worte herausgebrochen sind, durch ihr Fehlen lauter denn je. Ab und an aber verwandelt sich der Text in Reim und gehobener Sprache in Bruchstücke einer griechischen Tragödie. Den einen oder andern irritiert's - es wirkt manchmal aufgesetzt.

 

 

Wie aus einer anderen Welt

Ersan Mondtag hat in der "Radikal Jung"-Auflage vergangenen Jahres die Zuschauer ins Totenreich entführt. Diesmal geleitet er sie in die Hölle. Am Staatstheater Kassel hat er seine "Tyrannis" inszeniert. Nicht als Beschreibung einer Regierungsform, sondern als labyrinthisches Haus, vielleicht ein Denkgebäude, in dem eine schrecklich seltsame Familie ihren verstörenden Alltagsritualen nachgeht. Mit dem Abstand von einigen Tagen wirkt das Stück noch immer nach. Und mit dem Reifeprozess vertieft sich der Eindruck, in "Tyrannis" eine der konsequentesten und radikalsten Produktionen dieses Jahrgangs gesehen zu haben.

Wie aus einer anderen Welt wirken auch die beiden Liebenden in "António e Kleópatra" vom Teatro Nacional D. Maria II Lissabon. Bis man feststellt, dass Regisseur Tiago Rodriguez und seine Schauspieler das Shakespeare-Stück in einen lyrischen Text, eine Fuge umgewandelt haben. Sofia Diaz und Vitor Rosiz machen den Abend in aller Strenge und Reduziertheit  zu einem geradezu musikalischen Ereignis, zu einer Fuge, mit Themen, Variationen, Auseinandergehen und Punkten des Zusammenklangs.

"António e Cléopatra" mit Sofia Diaz und Vitor Rosiz. Foto: Magda Bizzaro

Der Text wird zerlegt und neu zusammengesetzt, von zwei Akteuren, die sich sowohl als Schauspieler als auch als Marcus Antonius und Kleoptra sehen lassen, als Figuren des Dramas ebenso wie als Shakespeare-Erforscher und Berichterstatter. In Wiederholungen gewinnt der Text an Spannung, er verändert unmerklich seine Richtung, schon aus der altbekannten Tatsache, dass ein Wort, oft genug wiederholt seinen Sinn verliert. Zur Abstraktion passt das Mobile vor der Leinwand des Hintergrundes. Mit den wechselnden Farben des Hintergrunds, mit den Mustern, die die Schatten auf diese Leinwand malen, sieht das Ganze aus wie eine Komposition von Kandinsky. Ganz schön kunstvoll, das.

Im Finale spielen die beiden Wort-Ping-Pong, geben den Worten bei jeder Wiederholung einen unmerklich anderen Klang, bis da unversehens ein anderes, ähnliches Wort steht. Wie die beiden von "Rope" über "Hope" bis zu "Bird" gelangen und man dabei ein ganzes Gefühlsdrama erlebt, gehört zu den Glanzpunkten dieser radikalen, aber auch spröden und fordernden Arbeit, die vor allem Text-Fetischisten viel bot.

Und der Skandal zum Abschluss?

Immerhin schon 18 Jahre musste zählen, wer das Finale von "Radikal Jung" erleben wollte: "Schönheitsabend", eine Produktion von Florentina Holzinger und Vincent Riebeek, ein Paar, das "Die deutsche Bühne" in einer Kritik über die Produktion das "Frischfleisch der Tanzszene" genannt hat. Was, sagen wir es mal so, durchaus tadelnd gemeint ist: wegen der Provokation, der kalkulierten, der analen Penetration per Dildo, die Holzinger an Riebeek vornimmt (Umkehrung on Geschlechterrollen und so), in geradezu artistischen Verrenkungungen. Wegen der tänzerischen Schwächen aber auch, die Holzinger durchaus erkennen lässt. Und wegen der nicht immer ganz eleganten Pole-Dance-Nummern der beiden.

'Es wird noch expliziter: Florentina Holzinger und Vincent Riebeek. Foto: Karolina Wiernik

Sonst aber? War der Abend nicht gar so schlecht, wie's das Verdikt mit dem Frischfleisch vermuten ließe. In drei Abschnitten arbeitet man sich an Avantgarden von vor hundert Jahren ab. Genannt "Tänze des Lasters", "Tänze des Grauens" und "Tänze der Ekstase". Die beiden spielen und karikieren die tänzerischen Vorbilder Ida Rubinstein und Vaslav Nijinsky, eine Verballhornung, die allerdings nur im zweiten Drittel zu überzeugen oder zumindest zu amüsieren weiß. Kilian Engels, der schon in den ersten Abschnitt zur Musik von Rimsky-Korsakow  als Impresario eingeführt und in einer Gastrolle als Sultan dem Geliebten der ungetreuen Sheherazade den Hals durchgeschnitten hatte, erläuterte vorab auch den zweiten Teil. Thema: Nijinskys Abdriften in den Wahnsinn nach seinem letzten Auftritt in St. Moritz. Das hatte etwas Absurdes, zwanzig Minuten grotesker Komik, mit Riebeek am Flügel, der so tut, als spiele er immer und immer wieder einen Walzer von Chopin (man wird lange brauchen, ihn wieder hören zu können) und einer geradezu katatonischen Holzinger, deren lange, lange Verweigerung in einen echt überzeugenden Wahnsinnsanfall überging. Einige Zuschauer hatten zuvor schon Schnarchgeräusche hören lassen, ein oder zwei riefen Buh, insgesamt aber schlich sich gute Laune ins Volkstheater ein.

Ging ja auch auf die Party zu, Abschluss für einen sehr durchwachsenen Jahrgang 2016. Nun denn, auf  nach 2017, mal schauen, was es dann noch für Grenzen zu überschreiten gilt.

 

 

 

 

Veröffentlicht am: 04.05.2016

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