"Pubertäre Endlos-Hass-Tirade" - "SATT" im Marstall Theater

von Gabriella Lorenz

[caption id="attachment_5990" align="alignright" width="99" caption="Dennis Herrmann, Sophie Rogall Foto: Thomas Dashuber"][/caption]Goscha ist voller Wut. Die knallt sie jedem um die Ohren. Wut auf die Überfluss- und Konsumgesellschaft, die Gutmenschen, das Schämervolk, diese Welt der Ungerechtigkeit. Sie fühlt sich als Deutschrussin ausgegrenzt und protestiert durch Norm-Verweigerung. Eine als Kind immigrierte Deutschrussin ist auch die 25-jährige Marianna Salzmann, die in ihrem zweiten Stück „SATT“ ihrer 20-jährigen Protagonistin Goscha all ihre klischeegesättigte Gesellschaftskritik in den Mund legt - mehr, als das Stück verkraftet. Stefanie Bauerochse inszenierte die Uraufführung im Marstall mit einigen schönen Bildern, die aber trotz der starken Hauptdarstellerin Sophie Rogall die Spannung nicht über 90 Minuten halten.

Jungautoren preisen ihre Stücke gern marktschreierisch mit Großbuchstaben an: Seht her, was ich zu sagen habe! Die Figuren sind nicht satt, aber sie haben es satt: Goscha und ihr Anarcho-Freund Stef (sehr überzeugend: Dennis Herrmann) durchplündern nachts Supermarkt-Container nach weggeworfenen Lebensmitteln und finden ihren Adrenalinkick, wenn sie in U-Bahnschächten vor den Zügen herrennen. Goscha wirft ihrer Mutter (Beatrix Doderer), die mit zwei kleinen Töchtern aus Russland nach Deutschland kam, ihre Angepasstheit vor. Schwester Su (Anna Keil) hat sich längst in die virtuelle Welt verabschiedet. Dort wird sie nach einem Treffen mit ihrem Internet-Schwarm Fritz verschwinden und für Goscha als Anime-Figur weiterleben.

[caption id="attachment_5992" align="alignleft" width="225" caption="Dennis Herrmann, Sophie Rogall Foto: Thomas Dashuber"][/caption]Bühnenbildner Thimo Plath lässt eine U-Bahn-Schacht-Decke aus Metallgitter und Lamellen sich so absenken, dass die Darsteller sie gut beturnen können. Ein Flügel als bürgerliches Sehnsuchtsrelikt wird in der Familie Esstisch, Computer-Board oder Bett. Goscha und Stef dagegen kuscheln lieber vor ihren Streifzügen in einem Einkaufswagen.

Aber es bleibt ein Thesenstück, und da gehen auch Bauerochse die Regie-Ideen aus. „Bin ich denn Deutschland? Was ist deutsch? Ihr lasst mich nicht rein“, schreit Goscha ihre Identitätssuche als Migrantin frontal ins Publikum. Und klagt ihre Ausgrenzung an, weil sie nicht Hochdeutsch spreche - in astreinem Hochdeutsch! Nur Sophie Rogalls intensive Präsenz macht diese pubertäre Endlos-Hass-Tirade noch einigermaßen erträglich.

Dass dieser explosive Sozial-Sprengstoff Goscha am Ende buchstäblich zerreißt, passt zur Übermetaphorik der Autorin, die offenbar ihre gesamte Gesellschaftskritik auf einen Schlag loswerden wollte.

Veröffentlicht am: 08.03.2011

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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