Ein Souverän im Reich der Träume - Ludwig II. an den Kammerspielen

von Jan Stöpel

Jeroen Willems als Ludwig II. Foto: Jan Versweyveld

Zum 125. Mal jährt sich heuer der Todestag vom Märchenkönig Ludwig II. Und auch die Kammerspiele beteiligen sich am Gedenkjahr – mit einer etwas spröden Inszenierung nach Viscontis Ludwig-Film unter der Regie Ivo van Hoves.

Die vollendeten Eskapisten, die Meister der großen und der kleinen Fluchten, sind unglückliche Menschen. Man denke an den Fußballstar George Best, der sich von einem Ballon in die Lüfte tragen lassen wollte, um nie mehr auf die Erde zurückzukehren, oder an Michael Jackson, der in der selbstgeschaffenen Traumwelt von „Neverland“ zugrunde ging.

Will man so viel Unglück wirklich sehen? Man will, und das nicht nur, wenn man begeisterter Leser der Klatschpresse ist. Denn es könnte ja sein, dass diese Stars gar nicht wirklich fliehen, sondern vielmehr nur ihren Traum mit äußerster Konsequenz verfolgen. Da fesselt einen die Tragödie derer, die in ihrer Erfüllung auch ihren Untergang finden.

Ludwig II., der bayerische Mythos schlechthin, war einer jener Außergewöhnlichen. Gleichsam aus der Zeit gefallen, sah er sich Problemen gegenüber, die ihn bald das Weite oder vielmehr das Innere seiner eigenen Traumwelt suchen ließen. Vor den steingewordenen Ergebnissen seines unglücklichen Lebenslaufs stehen staunend Bayern wie Touristen aus aller Welt: Schlösser, Schlösser und nochmals Schlösser; ein Neverland, das Neuauflagen wie die von Michael Jackson wie billige Kopien aussehen lässt.

Katharina Hackhausen, Jeroen Willems Foto: Jan Versweyveld

Für die Kammerspiele verzichtet Bühnenbildner Jan Versweyveld auf mittelalterlich angehauchtes Mauerwerk und stellt dem König dafür einen goldenen Käfig auf die Bretter: Ein schlichter Kubus, in dem der König für Staatsgeschäfte verschwindet, innen mit Weiß und Gold auf Rokoko gebürstet. Videosequenzen tragen das Geschehen von dort stückweise nach Außen.

Mit Jeroen Willems als Ludwig hat Regisseur van Hove einen Glücksgriff getan. Willems hat natürlich keine Ähnlichkeit mit Ludwig, allein schon seine starke Präsenz auf der Bühne zwingt den Zuschauer, sich von der äußeren Gestalt des körperlich starken und seelisch so fragilen Märchenkönigs zu distanzieren. Die vibrierende Kraft dieses Akteurs legt vielmehr einen anderen Typ von Herrscher nahe: Ein Souverän, wenn auch nur im Reich der Träume. Dass die Kammerspiele über ein überragendes Ensemble verfügen, zeigt sich auch in den Nebenrollen. Sylvana Krappatsch in einer Mehrfachrolle, unter anderem als Königinmutter, Brigitte Hobmeier als Kaiserin Elisabeth, Edmund Telgenkämper als Graf von Dürckheim, Wolfgang Pregler als leicht, aber nur ganz leicht sächselnder Richard Wagner demonstrieren große Klasse auch mit kleinen Gesten.

Van Hove aber scheint dieser Klasse nicht zu trauen. Neben dem Kubus und den Videosequenzen (Tal Yarden) bleibt nur wenig Spielfeld für die Schauspieler. Für Interaktion bleibt kaum Raum, ebenso für Differenzierung: Leise Töne oder Gebrüll – die Inszenierung zwingt den Akteuren ein seltsam statisches Spiel auf. Zudem hätten dem Ganzen ein paar Kürzungen gutgetan; vor allem die erste Hälfte zog sich, weil Ivo van Hove sich allzu brav an der Chronologie des Bayernkönigs abarbeitete.

Wolfgang Pregler, Jeroen Willems Foto: Jan Versweyveld

Feiner austariert ist die zweite Hälfte des ziemlich langen Abends. Da wird das Innenleben Ludwigs zur Bühne, die Willems mit Figuren a la Keith Haring alptraumhaft bekritzelt. Die wahren Machthaber nehmen das Heft in die Hand und entmündigen den Herrscher. Der kann allerdings auch keine Alternativen anbieten; da Fragen wie Anstand und Respekt nur kurz angerissen werden, muss man sich auch nicht weiter fragen, warum man Ludwig nicht aufs Altenteil schicken sollte. Tragik? Nein, nur der Vollzug von längst Überfälligem.

Der sinistre Doktor Gudden lässt sich schließlich von Ludwig ein letztes Mal einwickeln. Gemeinsam verlassen die beiden den Kammerspiel-Innenraum, das Video zeigt, wie die beiden brav an der Garderobe ihre Mäntel holen - ein ironischer Wink, den man sich schon früher gewünscht hätte. Unter Regenschirmen spazieren die beiden durch Münchens Innenstadt, um in einem der Höfe der Residenz zu verblassen: Der König hat das letzte Mal einen souveränen Entschluss gefasst und seinen Peiniger mit sich genommen. Der Regen der fatalen Nacht, das zeigen die letzten Szenen des Videos, sprudelt aus der Düse eines Requisiteurs – und schon wieder löst sich ein Geheimnis um Ludwig in nichts auf.

Ludwig II. in den Münchner Kammerspielen. Nächste Vorstellungen: 04.03.,05.03., 22.03.,27.03.,28.03. Weitere Informationen finden Sie auf http://www.muenchner-kammerspiele.de/spielplan/ludwig-ll/

Fotos: Jan Versweyveld

Veröffentlicht am: 04.03.2011

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Haslacher
04.03.2011 14:09 Uhr

mich störte zum ersten mal der starke holländische Akzent von dem sonst so tollen Willems.

Wenn man einen Film auf die Bühne adaptiert - warum zeigt man dann zum Großteil wieder Filme ??

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