Rossinis "Le Comte Ory" in der Regie von Marcus H. Rosenmüller im Cuvilliéstheater

Ein bisserl was geht immer, und beim Nachwuchs sowieso

von Volker Boser

„Le Comte Ory“ -Ensemble und Extrachor der Bayerischen Staatsoper. Foto: Wilfried Hösl

Irgendwann wollte er es einmal ausprobieren – und jetzt ergab es sich früher als erwartet: Marcus H. Rosenmüller, Filmregisseur und Herrscher über das Singspiel zur Starkbierprobe auf dem Nockherberg, durfte mit Nachwuchskräften der Bayerischen Staatsoper zum ersten Mal eine Oper inszenieren. Man hatte ihm Rossinis Spätwerk „Le Comte Ory“ anvertraut. Natürlich war das Cuvilliéstheater ausverkauft. Auch für die folgenden Aufführungen sind Eintrittskarten Mangelware. Am Ende gab es Ovationen, für die ausgezeichneten Sänger, ein wenig überraschend für die Dirigentin (Oksana Lyniv) und wie zu erwarten für den Regisseur. Rosenmüller machte nichts falsch, präsentierte aber auch keine allzu neuen Ideen.

Damit die Geschichte um den Möchtegern-Casanova Ory, der die Zeit damit verbringt, alleine gelassene Ehefrauen aus dem mittelalterlichen Ritter-Milieu zu trösten, einen auch heute noch nachvollziehbaren Sinn ergibt, verlagert Rosenmüller das Geschehen in einen Fitnessclub mit Bowlingbahn. Die Langeweile dort versucht das Schlitzohr Ory im lila Trainingsanzug für sich zu nutzen. Ein bisserl was geht immer.

Doch „La Comtesse“ Adèle ist zickig, traut sich erst fünfzig Minuten nach der Ouvertüre auf die Bühne, dann aber mit einer jener hinreißend virtuosen Gesangsszenen, für die der Komponist einst Maßstäbe setzte („En proie à la tristesse“). Elsa Benoit glänzt mit bravourös gesetzten Spitzentönen. Das lässt sich nicht besser singen, allenfalls brillanter oder divenhafter präsentieren. Aber genau diese altmodischen Opern-Exaltationen wollte der Regisseur gut gemeint verhindern.

Dass die etwas verwirrende Handlung nie so ganz klar wird, mag auch daran liegen, dass Rosenmüller sich offenkundig vorsätzlich und lustvoll in groteske Nebensächlichkeiten verheddert. Woody Allen wird zitiert. Es gibt ein animiertes Schattenspiel. Die zum Finale zurückkehrenden Ehemänner outen sich als Fans des FC Bayern. Die als Nonnen verkleidete Männer-Crew um Ory entpuppt sich als Haufen wild gewordener Vampire.

Immerhin: Rosenmüller lässt seinen Sängern genügend Freiräume. Er mischt sich nicht in die Musik ein und stört diese auch nicht durch überflüssigen Aktionismus. Die Dirigentin Oksana Lyniv verordnet dem Staatsorchester energische Kraftakte. Weniger wäre mehr gewesen. Der vorwärts drängende Drive überzeugt. Doch auch die „Nocturne“-Ruhe, mit der Rossini im zweiten Akt eine situationsbedingt wundersam komische „Ménage-à-trois“ ausstattet, kommt zu ihrem Recht.

Trotz des berühmten Gastes am Regie-Pult: Nicht wegen ihm, sondern vor allem wegen der Sänger ist dieser Außenseiter-Rossini ein „Muss“. Man kann nur staunen über die stimmlichen Qualitäten, die das Opernstudio der Staatsoper derzeit aufzubieten vermag. Ob Elsa Benoit, Matthew Grills (Ory), Rachel Wilson (Ragonde), John Carpenter (Raimbaud), Leonard Bernad (Gouverneur) oder Marzia Marzo (Isolier) – bei diesen wunderbaren Talenten muss einem für die Zukunft nicht bange sein.

Veröffentlicht am: 13.04.2015

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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