Oliver Hirschbiegels Film "Elser" über den Attentäter des Bürgerbräukellers

Ein Mann von Gewissen und wachem Verstand

von Jan Stöpel

Im Kreise der Freunde: Georg Elser am Bodensee. Foto: Lucky Bird Pictures/Bernd Schuller

Ein Hitler-Gegner, dem auch in München die Anerkennung lange versagt blieb, ist Georg Elser. Er wollte Hitler im Bürgerbräu-Keller in die Luft sprengen. Der eine wollte dem "einfachen Mann" seinen komplizierten Plan nicht zutrauen, der andere kritisierte Elsers Bereitschaft, das Leben von Unschuldigen aufs Spiel zu setzen. Regisseur Oliver Hirschbiegel hat dem Mann, der nur "noch größeres Blutvergießen verhindern" wollte, in seinem neuen Film ein Denkmal gesetzt: Sachte, ohne Pomp, höchst eindrucksvoll.

Oliver Hirschbiegels Produktion „Elser“ erzählt die wahre Geschichte von einem Mann, der Hitler in den Arm fallen will und nur haarscharf scheitert. Von einem Einzelnen, der den Tod von Millionen verhindern wollte. Wenn sich so einer nicht zum Helden eignet, dann niemand, denkt man sich, und ist beim Anschauen von Hirschbiegels Film enttäuscht. Man ist – angenehm enttäuscht: Hirschbiegel stellt den Attentäter nicht auf einen Sockel, er bleibt beim Menschen Elser. Und der kommt uns nah. In Gestalt des herausragenden Schauspielers Christian Friedel.

Die ruhigen Bilder, das zurückgenommene Spiel seiner Schauspieler, die spärlich eingesetzte Musik: in allem verweigert Hirschbiegel das große Drama, die Zuspitzung. Er erzählt kunstvoll einfach eine Geschichte. Und siehe: Man ist gefesselt und berührt, anders als von vielen anderen Dramen, bevorzugt aus der NS-Zeit. Mehr auch als von Hirschbiegels Führerbunker-Drama „Der Untergang“.

Beharrliche Wühlarbeit: Elser (Christian Friedel) präpariert das Versteck für seine Bombe. Foto: Lucky Bird Pictures/Bernd Schuller

Elsers Tat war von beispielloser Konsequenz. Er kam am 8. November 1939 dem Ziel des Tyrannenmordes so nahe wie kein anderer Hitlergegner. Präzise wie sein Plan war die Maschine, die der begnadete Bastler gebaut und in eine Säule des Bürgerbräusaals eingebaut hatte. Sie sollte bei einer NS-Versammlung eine Bombe gegen Hitler auslösen. Der Sprengstoff ging auch pünktlich hoch – nur war da Hitler nicht mehr am Ort des Geschehens. Dreizehn Minuten fehlten dem Attentäter, um den schlimmsten Terroristen der Geschichte zu stoppen.

Hirschbiegel berichtet vom Attentat, gleich zu Beginn, konzentriert sich dann aber konsequent auf die Geschichte davor: was für ein Typ war dieser Schreiner Georg Elser, wie reifte sein Entschluss? In sommerlich flirrenden Bildern erleben wir Elser im Kreise seiner Freunde, beim Baden, beim Musizieren, beim Flirten. Ein Frauenschwarm war er wohl, kein Sonderling, ein Einzelgänger mitunter, aber kein Eigenbrötler. Kein verstiegener Rechthaber, sondern einer, der die richtigen Schlüsse gezogen hatte. Christian Friedel spielt diesen Georg Elser als zunächst fröhlichen, gläubigen, engagierten Mann, vor allem aber als Menschen mit wachem Verstand. Überzeugend, dieser Elser, ebenso wie Katharina Schüttler als seine letzte Liebe Elsa.

Stark: Katharina Schüttler als Elsa. Foto: Lucky Bird Picture/Bernd Schuller

 

Bespaßung für die 
Volksgenossen

Hirschbiegel distanziert sich in jedem Moment von der Bildsprache der Nationalsozialisten, der manch anderer Regisseur noch heute gerne auf den Leim geht. Irgendwann zeigen die Nazis in Elsers Heimatdorf Königsbrunn einen Film, aufgenommen bei einem Dorffest: Bespaßung für die Gemeinschaft der Volksgenossen. Hirschbiegel zeigt nicht dessen Bilder, sondern die Gesichter der Betrachter. Er nimmt damit die Perspektive Elsers ein. Der steht im Publikum, inmitten der begeisterten Menschen, und bleibt doch außen vor. Ein Mann, der genau beobachtet, sich seine eigenen Gedanken macht. Hitler, das weiß er bald, wird Unzähligen den Tod bringen. Und sein Regime ist verbrecherisch. Man muss nur hinschauen, Notiz nehmen von den Schandtaten an jenen, die das Regime nicht zur Volksgemeinschaft zählt.

Hirschbiegel erzählt viel vom Mitmachen, vom Wegschauen, auch von Weichenstellungen. Von der Sekretärin, die während der Folter Elsers aus dem Verhörraum geschickt wird und, scheinbar unberührt von den Schreien, in einem Roman liest. Vom verbindlichen Ortsgruppenführer (Felix Eitner), der so gar nicht den Schlägertypen der SA entspricht: das nette Gesicht der neuen Macht, die durch solche Mitläufer erst für breite Schichten akzeptabel wird. Vom Kripo-Chef Artur Nebe (Burghart Klaußner), der während der endlosen quälenden Verhöre Elsers ins Nachdenken zu geraten scheint. Und doch wird sich Nebe unermessliche Schuld aufladen, als einer der schlimmsten Massenmörder, bevor ihn die Nazis kurz vor Kriegsende als Mitverschworenen des 20. Juli in Plötzensee hängen. Ausgerechnet er stellt Elser eine wichtige Frage: Ob der Hass auf den Führer den Tod Unschuldiger rechtfertigen kann?

Mann mit Gewissen

Artur Nebe (Burghart Klausner) und Heinrich Müller (Johann von Bülow) verhören Elser (Christian Friedel). Foto: Lucky Bird Pictures/Bernd Schuller

Elser musste sich entscheiden, und sein Gewissen litt an diesem Entschluss, auch wenn er seinen Anschlag so geplant hatte, dass nur führende Nazis zu Tode kommen sollten. Wie Elser das genau plante, warum er versuchte, sich in die Schweiz abzusetzen – nämlich, um von dort aus seine Einzeltäterschaft beweisen zu können und niemand Unbeteiligten in seine Angelegenheiten zu ziehen –, kann man in den Verhörprotokollen nachlesen. Diese Details kommen in „Elser“ zu kurz – eine der wenigen Schwächen des Films.

Das letzte Bild von „Elser“ zeigt ein Originalfoto des Schwaben. Keines von denen, die von der Gestapo in Umlauf gebracht wurden, die eines fast schon gebrochenen, von der Folter verunstalteten Mannes. Sondern eines, das ihn in besseren Tagen zeigt: ein mutiger, ein freier Mann, der tun musste, was nach seinem Ermessen notwendig war. Stark, diesem Film sind viele Zuschauer zu wünschen.

Veröffentlicht am: 24.02.2015

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