"Lucia di Lammermoor" an der Staatsoper

Selbst unser Lieblings-Dirigent suchte erfolglos

von Volker Boser

Pavol Breslik (Edgardo), Diana Damrau (Lucia). Foto: Wilfried Hösl

Die Erwartungen an diese Premiere der Bayerischen Staatsoper waren hoch. Star-Sopranistin Diana Damrau hat die Titelpartie in Donizettis „Lucia di Lammermoor“ seit ihrem New Yorker Debüt vor sechs Jahren in fünf verschiedenen Inszenierungen gesungen. Sie weiß, worauf es ankommt. Dazu Münchens Lieblings-Dirigent Kirill Petrenko, ein bekennender Belcanto-Fan, und eine junge polnische Regisseurin, Barbara Wysocka, deren Deutschland-Debüt 2012 an den Münchner Kammerspielen mit „Woyzeck/Wozzeck“ einiges Aufsehen erregte. Genügend Argumente, um auf eine Sternstunde zu hoffen. Doch leider überwogen diesmal die Missverständnisse.

Das schüchterne schottische Sensibelchen Lucia als eine starke Frau zu zeigen, die sich nicht damit abfinden kann, aus Gründen der Familienraison einen ungeliebten Mann zu heiraten und diesen dann in der Hochzeitsnacht schnöde meuchelt – das mag auf den ersten Blick schick sein, wird aber weder vom Original-Libretto (Salvatore Cammarano nach Walter Scott) noch von Donizettis romantisch-zerbrechlicher Musik unterstützt. Auch wenn sich der Dirigent Kirill Petrenko alle Mühe gab, zwischen den Zeilen zu entdecken, was so mancher seiner Kollegen womöglich bisher unterschlagen haben könnte. Aber da gibt es nichts: Petrenkos hartnäckiges Suchen nach dem genialischen Einfall musste erfolglos bleiben.

Ein belangloses, die Sänger begleitendes „hmm-tata“ in den Raum zu zaubern, als stamme es aus Beethovens neunter Symphonie, ist nur wenig spannend. Die Wahl der zumeist langsamen Tempi irritierte ebenso wie die immer wieder überraschenden rhythmischen Freizügigkeiten. Kritiker-Papst Joachim Kaiser hatte zu solch subjektiven Ausflügen auf ähnlichem Terrain einst den lapidaren Satz parat: „Manchmal bedarf es eben nur eines italienischen Kapellmeisters.“

Die Regie verlagerte das Geschehen in die 1960er Jahre Amerikas. Das Bühnenbild (Barbara Hanicka) zeigt eine zerstörte Fabrikhalle, vielleicht in Detroit. Lucia könnte Jackie Kennedy sein, ihr Lover Edgardo (Pavol Breslik) erinnert an James Dean. Das unvermeidliche Auto auf der Bühne ist unverkennbar ein US-Schlitten. Ein Video-Clip zeigt, wie der Tenor damit durch die Gegend rast, leider nicht ansatzweise so attraktiv wie etwa Cary Grant in Hitchcocks „Über den Dächern von Nizza“.

Während der berühmten „Wahnsinns-Szene“ darf Lucia den Staatsopernchor effektvoll mit einer Pistole bedrohen, was der sängerischen Präzision aber eher abträglich ist.

Nicht erst seit der konzertanten Aufführung im Sommer 2013 im Gasteig weiß man, dass Diana Damrau es besser kann. In der Staatsoper überraschte so manche Koloratur-Unsicherheit. Und auch darstellerisch vermochte sie den Spagat zwischen dem von der Inszenierung erzwungenen Power-Frau-Image und der im Wahnsinn endenden Gattenmörderin nicht allzu glaubhaft zu gestalten. Die Gesten wirkten konventionell, aufgesetzt, bisweilen unstatthaft glamourös.

Dass die letzten zwanzig Minuten der Oper dem Tenor gehören, nutzte Pavol Breslik mit den ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Er sang den Edgardo so geschmackvoll, als hieße der Komponist Mozart. Auch dies ein Missverständnis, das aber zu verschmerzen war. Die tiefen Männerstimmen hätten ein wenig homogener aufeinander abgestimmt sein können. Am besten zog sich Georg Zeppenfeld als Raimondo Bidebent aus der Affäre, ein Geistlicher, der immer wieder versucht, das böse Schicksal aufzuhalten, aber damit natürlich erfolglos bleiben muss.

Schließlich kennen die Gesetze der Oper kein Pardon: Am Ende zählen nur die Toten.

Veröffentlicht am: 28.01.2015

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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