Die Gärtnerplatz-Produktion "Wiener Blut" im Cuvilléstheater

Operetten-Kitsch pur in einem verdammt lässigen Dreivierteltakt

von Volker Boser

Tilmann Unger (Balduin Graf Zedlau), Cornelia Horak (Gabriele Gräfin Zedlau). Foto: Christian Pogo Zach

Ganz am Ende, nach zwei Stunden zuckersüßer Operetten-Seligkeit, mag so manchem Besucher dann doch das eine oder andere böse Lied von Georg Kreisler eingefallen sein. Etwa jenes: „Was wäre Wien ohne Wiener?“ Nicht auszudenken. In Nicole Claudia Webers Neuinszenierung der Operette „Wiener Blut“ von Johann Strauß für das Gärtnerplatztheater, die jetzt im Cuvilliéstheater Premiere hatte, wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Kein Klischee fehlt. Ein bayerischer Engel und einer aus Wien wachen über das Geschehen. Der eine mit einer Brezn, der andere mit einer Weinflasche beschäftigt, Pointen durch die Lupe, Hauptsache: Man amüsiert sich. Dieses mit viel Engagement angestrebte Ziel wurde mit Bravour erreicht.

Kein Wunder: Wenn sächsische Bürokratie in Gestalt des Fürsten Ypsheim aus Reuß-Schleiz-Greiz auf den Wiener Schmäh des Karussellbesitzers Kagler trifft, dann ist das auch in dieser Inszenierung ein sicherer Gag. Gegen den Gast aus dem Nachbarland, Wolfgang Hübsch, hatte der brave Hans Gröning zwar nur wenige Chancen. Aber die nutzte er geschickt, wenn auch allzu bescheiden. 1 : 0 für Österreich.

Die Regie hatte das Verwirrspiel um die amourösen Abenteuer eines Grafen zur Zeit des Wiener Kongresses in die Entstehungszeit der Operette (1899) verlegt. Das erlaubte szenische Freiheiten. Schließlich befindet man sich nun im Wien von Gustav Klimt und Sigmund Freud. Was aber folgenlos blieb, sieht man von ein paar bildlichen Anspielungen ab - im Gegenteil: Regisseurin Nicole Claudia Weber und ihr Ausstattungsteam (Karl Fehringer, Judith Leikauf, Marie-Luise Walek) wählten den sicheren Weg. Das Bühnenbild hätte einer Disney-Produktion alle Ehre gemacht. Hollywood-Schaukel zum Walzer, Schäfchenwolken und Kristalltropfen, Engel in Lederhosen, der Frack als Arbeitskleidung – das ist Kitsch, vielleicht ja sogar Operette „pur“, überdreht, aber liebenswert.

Obwohl ein Werk aus zweiter Hand, gehört „Wiener Blut“ neben der „Fledermaus“ und dem „Zigeunerbaron“ zu den beliebtesten Strauß-Operetten. Was auch daran liegt, dass die Arrangeure, die dem altersmüden Komponisten die Arbeit abnahmen, hier überaus geschickt einige seiner schönsten Werke platzierten. Dirigent Michael Brandstätter nutzte die Gunst der Stunde. Er hatte das um die Hälfte reduzierte Orchester des Gärtnerplatztheaters – die anderen Musiker befinden sich auf einer Gastspielreise durch Mexico – auf einen lässigen Dreivierteltakt eingeschworen. Man ließ sich Zeit. Und auch die Sänger waren mit viel guter Laune bei der Sache.

Bisweilen wurde es laut, was an den akustischen Tücken des Cuvilliéstheaters gelegen haben mag. Tilman Unger als Möchtegern-Don Juan, dem die Gattin (wunderbar, eine echte Diva: Cornelia Horak) das „Wiener Blut“ abspricht, zeigte nicht immer den erforderlichen Tenor-Schmelz. Premieren-Nervosität? Daniel Prohaska war ein souverän-heiterer Kammerdiener aus dem Operetten-Lehrbuch. Die Damen Ella Tyran (Franziska Cagliari) und Jasmina Sakr (Pepi) erwiesen sich als Idealbesetzung. Harald Hofbauers Auftritt als Fiakerkutscher samt Wiener Lied darf als authentisch gerühmt werden. Und für die Promille-Show des Kagler hatte sich das Gärtnerplatztheater einen echten Clou ausgedacht. Wolfgang Hübsch, lange am Residenztheater engagiert und dann von Gerhard Klingenberg an das Wiener Burgtheater geholt, machte daraus eine grandios virtuose Clownerie. Hinreißend.

Weitere Vorstellungen 29. und 30. November, 1., 3., 5., 6., 7., 9., 12., 15. und 18. Dezember 2014, Vorstellungsbeginn 19.30 Uhr. Am 30. November und 7. Dezember 2014 Vorstellungsbeginn 18 Uhr. Karten unter Telefon 2185 1960.

Veröffentlicht am: 28.11.2014

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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