"Lament", das neue Album der Einstürzenden Neubauten

Der Gott, der Eisen wachsen ließ

von Christian Jooss-Bernau

Einstürzende Neubauten 2014. Foto: Mote Sinabel

Die Einstürzenden Neubauten beschäftigen sich auf ihrem neuen Album „Lament“ mit dem Ersten Weltkrieg. Am Sonntag (16. November 2014) spielen sie in der Muffathalle.

Der Erste Weltkrieg, ist Rhythmus. Er dauert 13 Minuten und 16 Sekunden. Jede Zählzeit eines Taktes ist ein Tag. Die Perkussionsinstrumente sind Plastikröhren, die mit unterschiedlichen Längen unterschiedliche Tonhöhen erzeugen. Jede Röhre steht für ein kriegsbeteiligtes Land – die Großmächte und ihre Kolonien. Stimmen rufen die Namen der Länder zum jeweiligen Taktschlag des Kriegseintritts auf. Ohne das Hintergrundwissen ist dieses Stück eine elend lange Nummer, die kein Ende findet. Mit dem Wissen um das Konzept ist dieses Stück eine schockierend lange Nummer, die kein Ende findet.

„Lament“ heißt das neue Album der Einstürzenden Neubauten, ein Werk über den Ersten Weltkrieg. Es ist ein eigenartiges Ding, dass das Gedenken durch Jahresmarken und Jahrestage an sich schon rhythmisiert stattfindet. In der Ballung der Feuilleton-Analysen, Gedenkveranstaltungen, Bücher und Kunsterzeugnisse, die 2014 aus dem Boden schossen, wird das historische Ereignis zur abzuarbeitenden Routine, zu der noch jeder Selbstberufene sein Scherflein beitragen will. Um sich auf die neue Neubauten einzulassen, muss man die Rezeptionsermüdung beiseitewischen.

„Kriegsmaschinerie“, die erste Nummer, ist Vorbereitung der Katastrophe, eine Klanginstallation aus Stahl. Ein Schleifen, Hämmern, Drängen und Schieben, das sich über sechseinhalb Minuten zum industriellen Inferno aufschaukelt. Im Neubauten-Kontext – das Erwartbare, das Übliche. Trotz Klangkonvention aber von einer enormen Sogkraft. Diese Band, die sich aus den Tönen der Werkshallen der Schwerindustrie speist, hat die richtigen Werkzeuge, um die industrielle Fertigung der Vernichtungsmaschine zu beschreiben.

Blixa Bargeld bei einem Münchner Konzert in den späten 80ern. Foto Michael Grill

Beginnend mit „Tabula Rasa“, ihrem Album von 1993, gab es viele Momente und neue Alben, bei denen man sich fragte, ob der Berliner Existenzialismus der 80er, die große Kunstgeste des das Frequenzspektrum umfassenden Geräusches für die Gegenwart noch Relevanz hat. Es gab die Momente der Melodie, die doch nie Pop werden durften, sondern immer hermetische Performance blieben. „Lament“ ist anders. Dieses Album hat ein klares Thema. Und das ist nicht der Bildungsauftrag für 2014, sondern das Hineinschaffen der Band in die Vergangenheit. Grundlage der Arbeit war die Recherche in Rundfunkarchiven und im Militärhistorischen Museum in Dresden. Es passiert ganz nebenbei, dass das Moderne, die Moderne, kein Thema mehr ist, während in der physischen Präsenz der Musik absolute Gegenwart erzeugt wird. So wie 1989 auf „Haus der Lüge“, als die Neubauten den Reichstagsbrand und seine Dynamik in die Industrial-Dance-Nummer „Feurio“ übersetzten.

Ein hässliches Schnarren, ein Maschinengewehrrattern, ein nervenätzendes stählernes Knattern trägt 2014 das Stück „In de loopgraf“ – Text ist ein Gedicht von Paul van den Broeck von 1916. Dieser Klang der Vernichtung, er stammt von einer Stacheldraht-Harfe, die im Booklet auch zu sehen ist. So gehen Bild und Klang in eins, werden zur Perversion eines Instrumentes, das den unbeschreibbaren Schützengraben sichtbar macht.

Ist es zweifelhaft, dass die Neubauten, die gerne übersehene Randaspekte zum Ausgangspunkt ihrer Stücke machen, ein Interesse an den abseitigen Seiten des Krieges haben? Nein. Aus der abseitigen Perspektive erhascht man Einsichten in diese Black Box des Grauens, der man mit historischen Eckdaten noch nie beigekommen ist. „Der Beginn des Weltkrieges 1914 (dargestellt unter Zuhilfenahme eines Tierstimmenimitators)“ basiert auf einer Unterhaltungsnummer des Schauspielers und Erzählers Joseph Plaut. Possierlich, wie Hoftiere in einem Vogesendörfchen hier den Truppeneinmarsch begackern, bequäken, bebellen – um dabei in kreatürlicher Hellsicht am Ende schon Hitler aufscheinen zu sehen. In zwei Neuinterpretationen alter Lieder erstehen die „Harlem Hellfighters“ auf, afro-amerikanische Soldaten, die als 369the Infantry Regiment ins Kampfgeschehen eingriffen und sich ihren Ruf ertöteten.

Die Geste dieses Albums ist – selbst in der Interpretation von „Sag mir wo die Blumen sind“ – das Aufbereiten und Ausstellen von historischen Momenten. Blixa Bargelds Stimme ist bei aller sonorer Präsenz die eines Off-Kommentators. So entsteht politische Haltung zwangsläufig durch das Wissen um die Fakten. „Hymnen“ ist ein Mash-up der Nationalhymnen der kriegsbeteiligten Nationen: „Heil dir im Siegerkranz, / Herrscher des Vaterlands! / God save the King!“ Hier geht es nicht um die historische Differenzierung von Schuld und Verantwortung, sondern um die Austauschbarkeit jeder nationalistischen Kriegstreiberei. Das Ende ist historische Parodie, gerichtet an den Kaiser: „Friss in des Thrones Glanz / Die fette Weihnachtsgans / Uns bleibt der Heringsschwanz / In Packpapier“. Oben drehen sie am Rad der Geschichte, über die, die unten auf der Straße vegetieren, läuft es hinweg.

Das Cover. Foto: Another Dimension

Einstürzende Neubauten: „Lament“ (Mute Records). Live in München am 16. November 2014, 20.30 Uhr, Muffathalle, Zellstraße 4.

Über das Münchner Konzert der Band im Jahr 2011 berichtete der Kulturvollzug hier.

 

Veröffentlicht am: 14.11.2014

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Christian Jooss-Bernau

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