Zu "Zaun", dem neuen Album von Kofelgschroa

Vom Wesen der Knallheit

von Christian Jooss-Bernau

Das Cover. Foto: Trikont Verlag

„Und im Zehnminutentakt, / fahrt de S-Bahn durch die Stadt“, singen sie im Refrain des ersten Songs. Immer wieder erstaunlich, dieses Leben in München. Wie die Masse Mensch rhythmisch funktioniert. Unvergessen, das erste Interview mit Kofelgschroa – 2012. Gut zwei Stunden vor dem eigentlichen Termin kam ein Anruf. Man sei jetzt doch schon da. Es sei doch alles schneller gegangen beim Bayerischen Rundfunk. Nein, bitte keine Eile. Man eilte dann doch.

Um vier Oberammergauer an Tischen in der Sonne sitzend zu treffen, die auf die Frage der Bedienung nach Getränkewünschen allesamt „Hollerschorle“ antworteten. Erstaunlicherweise gab es die tatsächlich. Was für die Vier nicht in Frage zu stehen schien.

Notwist-Mann Micha Acher hatte das erste Album produziert. Auf dem Cover der Holzschnitt eines Mammuts. Acher war mit ihnen auch für den gerade erschienenen Nachfolger im Notwist-Studio, zusammen mit dem Tonmann Oliver Zülch. Akustische Gitarre, Akkordeon, Blasinstrumente und Gesang – daraus eine Klangidee und Einheit zu formen, ist eine verdammte Leistung. Schon Jahre bevor sie beim Münchner Trikont-Label landeten, waren Kofelgschroa in der Szene unterwegs. Ihre Musik traute sich was, weil sie keine Versicherungen abschließen wollte. Anderssein aber ist ein hartes Brot. Irgendwann kommen die Zweifel. Die Trennung. Weil halt jeder in seiner Nische vor sich hin erfinden kann, irgendwann einmal aber die Bestätigung kommen muss, dass die kleine Welt, die man da baut, auch für andere ein nettes Zuhause wäre.

Einladend herzlich ist dieses zweite Album mit seinen 13 Liedern geworden. Hier hört man eine Band, die weiß, dass sie auf der richtigen Spur ist. Dieses Selbstbewusstsein schafft Überzeugungskraft. Zum ersten Stück – dem „10Minutentakt“ – gibt es auch ein Video. Die Kamera tastet sich entlang des Mikrophonkabels zum ersten Instrument, zum nächsten Instrument. Fährt über die Gesichter jedes einzelnen. Martin Anton von Mücke. Maximilian Paul Pongratz. Michael Christian von Mücke. Matthias Otto Meichelböck. Ohne Schnitt. Um schließlich zurückzutreten und die Gruppe in der Totale zu erfassen. Der Hintergrund: schlichtes Weiß. Nichts ist da, außer diesen Vieren. Kein Vergleich. Und weil es so einfach ist, ist es nicht größenwahnsinnig.

Ein selbstgeschriebenes Lied kann ein Raum für die eigenen Gedanken sein. Muss nicht neu formulieren, was angesagt scheint. „Zaun“ – das Titelstück hält, was es verspricht. Ausgehend vom eigenen Blick auf die Grundstücksgrenze wird es ein Lied über das Wesen des Zauns im Allgemeinen: „Übereu san Mauern, san Regeln und Knallheiten / ned bloß zu Limeszeiten“. Gesungen hört man, dass sich das nicht nur irgendwie reimt, sondern funktioniert. Und allein hinter dem Wort Knallheiten schon wieder ein Gedankenstrom beginnt.

„Komm lass uns fliegen, wie eine Schwalbe / du bist meine Aufbausalbe, / du bist besser als jede Halbe die ich trank / an düsteren Tagen auf meiner Bank“, singt Maximilian in „Revier“. Bevor hier ein Verdacht des Kindlichen aufscheint, sei an Christian Morgenstern und Ringelnatz erinnert, deren Reimspiele sich nicht so einfach ernst nehmen lassen wollten, selber aber mit erstaunlicher Muskelkraft vieles auf den Arm nahmen. Das Naive ist auch bei Kofelgschroa ein Spiel, bei dem von fallenden Blättern bis zum Zähneputzen das Alltägliche so lange staunend betrachtet wird, bis es staunenswert ist. Und es ist Selbstzweck, weil es die Gedanken im Kreis führt, bis ihnen schummrig ist. Überhaupt: der Kreis. Bei Kofelgschroa fahren nicht nur die Sätze Karussell, sondern die Musik insgesamt liebt die Trance, die durch Wiederholung erzeugt wird. Eigentlich haben Kofelgschroa ja wenig mit den gängigen Vorstellungen von Volksmusik gemein. Aber dieses beständige Drehen zum Bass der Helikontuba ist möglicherweise schon wieder Volkstanz.

Längst hätten die ersten Konzerte zum neuen Album hinter ihnen liegen sollen. Eigentlich war die Tour schon geplant. Und dann hielt Maximilian auf Facebook seinen Daumen in die Kamera. Dick verbunden und geschient. Gebrochen in Michaels Schmiede. Ein Röntgenbild für orthopädisch Interessierte gab’s obendrauf. Auch wenn so etwas Schicksal ist, ist es doch auf seine Weise typisch für Kofelgschroa, denen ein getaktetes, vorgeplantes Leben wohl ohnehin unheimlich ist. Am 21. Dezember 2014 spielen sie jetzt in München. Nicht, wie geplant, im Ampere – sondern gleich in der Muffathalle. Ganz erstaunlich, wie dieses kurze Straucheln und aus dem Takt geraten bei fast jeder anderen Band zur Katastrophe führen würde, bei den Kofels aber eine neue Möglichkeit eröffnet.

Kofelgschroa: „Zaun“ (Trikont)

Live am am 21. Dezember 2014 in der Muffathalle (Zellstraße 4)

Veröffentlicht am: 22.11.2014

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Christian Jooss-Bernau

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