Janaceks "Die Sache Makropoulos" in der Staatsoper

Kaum verhüllt gewonnen, mit SM-Quatsch genervt

von Volker Boser

J. Lundgren (Jaroslav Prus), P. Černoch (Albert Gregor), N. Michael (Emilia Marty), Gustav Beláček (Dr. Kolenatý). Foto: Wilfried Hösl

Eine Oper, eineinhalb Stunden kurz, die über das ewige Leben spekuliert: Janaceks „Die Sache Makropulos“ ist seit ihrer Uraufführung im Jahr 1926 ein Geheimtipp geblieben, geachtet, doch nicht geliebt, ein Stück für den fortgeschrittenen Fan, der glaubt, „La Traviata“ hinter sich gelassen zu haben und nach Höherem strebt. Erstmals präsentiert nun die Staatsoper im Nationaltheater die von Annette Thein, Jonás Hájek und dem Dirigenten Tomás Hanus gemeinsam mit dem Verlag Bärenreiter erarbeitete, kritische Neuedition in tschechischer Sprache – musikalisch auf höchstem Niveau, szenisch bisweilen eher fragwürdig als überzeugend.

Vor allem die alberne, kitschige Schluss-Sequenz, die sich das Regieteam um Árpád Schilling einfallen ließ, schien das Premierenpublikum so irritiert zu haben, dass die übliche Beifalls-Orgie diesmal ausblieb.

Dabei ist die auf einer Komödie von Karel Capek basierende fantastische Geschichte für ein Opernlibretto, das der Komponist selbst verfasste, durchaus unüblich und angesichts des ungewissen Ausgangs auch spannend: Der Leibarzt von Kaiser Rudolf II. bekommt den Auftrag, ein lebensverlängerndes Elixier zu entwickeln. Er testet es an seiner Tochter. Mit dem Erfolg, dass Elina Makropulos alias Emilia Marty sich seit nunmehr 337 Jahren von Identität zu Identität quält. Sie ist hart, zynisch und unzugänglich geworden. Dennoch sucht sie nach dem Rezept, das noch einmal den Tod hinausschieben könnte. Als sie es endlich gefunden hat, siegt die Vernunft. Sie verzichtet darauf, es erneut zu benutzen.

Aus der Komödie ist längst eine Tragödie geworden. Nur Sterbliche sind zu echter Liebe fähig. An dieser Wahrheit kommt auch Emilia Marty nicht vorbei. Arpád Schillings Inszenierung begnügt sich mit Andeutungen. Er überlässt die theatralischen Wirkungen der gnadenlos hell ausgeleuchteten Drehbühne mit riesigen Marmorwänden inmitten irrealer Schneelandschaft aus Papierschnitzeln (Márton Ágh). Und er vertraut auf seine Hauptakteurin: Nadja Michael, stimmlich in grandioser Verfassung, gelingt ein aufregendes Rollendebüt. Wobei ihr zugute kommt, dass sie eine blendende Bühnen-Präsenz ins Feld führen kann. Ob in Jeans oder in kaum verhüllender Robe – man versteht, dass diese Emilia Marty noch immer von den Männern umworben wird. Was bei ihr angesichts einer Erfahrung von über 300 Lebensjahren freilich nicht mehr auf allzu viel Gegenliebe stößt.

Trotz eines weitgehend hochkarätigen Sängerensembles, voran – rührend und bewegend – Reiner Goldberg als Hauk-Sendorf, dazu Pavel Cernoch (Albert Gregor), Tara Erraught (Krista), John Lundgren (Jaroslav Prus), Dean Power (Janek) und Gustáv Belácek (Kolenatý): Nadja Michael und der Dirigent sind die Gewinner an diesem Abend. Tomás Hanus mag Janaceks Partitur von einigen Unkorrektheiten befreit haben. Was aber viel wichtiger ist: Ihm gelingt es mit dem alles in allem hochkonzentriert aufspielenden Bayerischen Staatsorchester, die Kleinteiligkeit der Musik zu bündeln. Er formt große musikalische Bögen und scheut sich auch nicht, die spröden melodischen Schönheiten, die bisweilen - etwa im Schluss-Monolog Emilia Martys - dem gesungenen Text geradezu zuwider laufen, ungefiltert vorzuführen.

Dass ausgerechnet in diesen letzten Minuten die Regie Rotlicht-Atmosphäre und neckische Sado-Maso-Spielchen für angebracht hält, ist ärgerlich. Zusammen mit der Biene-Maya-Einlage der vom Bühnenhimmel schwebenden Tara Erraught zu Beginn hätte dieser Fauxpas locker für eine gelbe Karte ausgereicht.

In der Staatsoper wieder am 22., 26., 29.10. und 1. 11.2014.

Veröffentlicht am: 21.10.2014

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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