"L'Orfeo" bei den Opernfestspielen

Des Hippies edler Heimgang in die Unterwelt

von Volker Boser

Orfeo (Christian Gerhaher) und Eurydice (Anna Viroviansky). Foto: Wilfried Hösl

Eine Sekunde nicht aufgepasst, und schon ist es passiert. Da hilft auch kein noch so schöner Singsang. Pluto bleibt hart. Orpheus muss ohne seine geliebte Euridice aus der Unterwelt zurück ins Freie. Dorthin, wo die Welt anfangs noch heil war, wo eine ausgelassene Flower-Power-Gesellschaft sich einen VW-Bus gemietet hatte, um gemeinsam in schöner Landschaft die Vermählung der beiden zu  feiern. Im Prinzregententheater wuchsen die Blumen buchstäblich in den Himmel.

Am Ende waren sie handlungsgerecht dank eindrucksvoller Bühnentechnik zwar verblüht. Aber der Erfolg ließ sich nicht mehr aufhalten. Monteverdis „L`Orfeo“, die letzte Premiere der Münchner Opernfestspiele, wurde mächtig bejubelt. Vor allem Bariton Christian Gerhaher sahnte ab. Kein Wunder: Er gestaltete die Titelpartie innig, kraftvoll, mit souveränem Durchhaltevermögen – was manchem Puristen schon zuviel gewesen sein mag. Romantische Operndramatik ist hier schließlich fehl am Platz.

Orfeos Freunde feiern ihren Liebling am Hippie-Bus. Foto: W. Hösl

Schon zu Beginn, im weißen Leinenanzug, zeigte dieser Orpheus überdeutlich, wie unwohl er sich inmitten dieser biederen Hochzeitsgesellschaft fühlt – ein Künstler, eitel, larmoyant und aufbrausend. Nur widerwillig ließ er sich dazu verleiten, ein Ständchen in das eilig organisierte Mikrophon zu säuseln. Regisseur Daniel Bösch mochte da manches anders gesehen haben. Aber er ließ seinen Star gewähren. Schließlich ist dessen musikalische Kompetenz auch auf diesem Terrain unumstritten. Eindringlicher als Christian Gerhaher veredelt kaum einer die beharrlichen Klagen des Orpheus.

Die Idee, den mythischen Sänger und seine begeisterten Groupies in die 1970er Jahre zu verpflanzen, bestärkte das Märchenhafte der Handlung. Monteverdis Version des antiken Orpheus-Mythos glättet ohnehin das böse Ende. Anstatt von Mänaden zerrissen zu werden, geleitet Apollo den Titelhelden in den Parnass. Von der Erde in die Unterwelt und schnurstracks in den Himmel – das war der Regie dann aber doch zu viel. Im Prinzregententheater schnitt sich der Unglückliche die Pulsadern auf und zog sich mit Euridice dezent in die unteren Grabes-Gemächer zurück.

Keine Angst vor den Geschöpfen der Unterwelt: Orfeo (C. Gerhaher). Foto: Wilfried Hösl

Für einen kleinen, folgenschweren Moment allzu neugierig und unbeherrscht: Dass die Tragik dieses Götterlieblings ohne erhobenen Zeigefinger auf immer wieder bewegende Weise glaubhaft wurde, hatte natürlich auch etwas zu tun mit der musikalischen Realisierung. Dirigent Ivor Bolton sowie Mitglieder des Staatsorchesters begleiteten die Sänger mit einer Menge Gespür für die vielen Facetten, in denen Monteverdi, etwa durch die unmittelbare Konfrontation einander fremder Tonarten, grandiose Wirkungen zu erzeugen verstand.

Weil Christian Gerhaher nicht nur das meiste zu singen hatte, sondern auch beständig auf der Bühne zugegen war, taten sich seine Mitstreiter schwer. Anna Bonitatibus übertrieb leider – als Überbringerin der Nachricht vom Tode Euridices ebenso lustvoll wie später als Plutos glamouröse Gattin Proserpina. Angela Brower überzeugte in den Allegorien Hoffnung und Musik. Andrea Mastroni (Caronte), Andrew Harris (Plutone), Mauro Peter (Apollo) sowie die Damen und Herren der Zürcher Sing-Akademie schlugen sich tapfer. Anna Virovianskys Euridice machte Appetit auf mehr.

Einwände mochten erlaubt sein – etwa gegen die sehr direkten Ausbrüche, mit denen Christian Gerhaher gelegentlich an stilistischen Grenzen rüttelte. Aber es gilt auch,  dass viele Wege nach Rom führen, umso mehr, wenn dabei so Hochkarätiges herauskommt wie diesmal.

 

Anm. d. Red. (22.7.14, 12.30 Uhr): Rechtschreibfehler im Vorspann verbessert.

Veröffentlicht am: 21.07.2014

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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