Rossinis "Guillaume Tell" erste Premiere bei den Opernfestspielen

Aufs Denkmal geschossen, aber nur den Apfel getroffen

von Volker Boser

Christoph Stephinger (Melcthal), Jennifer Johnston (Hedwige). Foto: Wilfried Hösl

Das Ereignis fand 24 Stunden vorher statt. Anna Netrebko sang die Lady Macbeth in Martin Kusejs viel gescholtener Verdi-Inszenierung aus dem Jahr 2008, mit der Nikolaus Bachlers Staatsopern-Intendanz begann  -  inklusive nackter Männer, die von der Decke baumeln und urinierender Statisten. Sie wurde frenetisch gefeiert. Verglichen damit fiel der Beifall nach der ersten Premiere der Münchner Opernfestspiele geradezu gesittet aus.

Zugegeben:  Rossinis letzte Oper „Guillaume Tell“  ist ein harter Brocken. Wollte man alles auf die Bühne bringen, was dem Komponisten und seinem Librettisten-Team frei nach Schiller dazu einfiel, würde das Spektakel mehr als vier Stunden dauern. Regie und Dramaturgie bestanden auf erheblichen Kürzungen. Dirigent Dan Ettinger willigte ein, nicht ohne danach medienwirksam zu verkünden, dass es ihm nicht leicht gefallen sei. Nur en passant: Die gestrichene Ballettmusik zählt zum Besten, was Rossini je komponiert hat.

Die berühmte Ouvertüre war dann aber doch zu hören, nicht zu Beginn, sondern nach der Pause, die man in den dritten Akt verschob, nachdem Tell in bester Wildwest-Manier den Apfel auf dem Kopf seines Sohnes zerschossen hatte.  Wie genau dieser Trick funktionierte, bleibt das Geheimnis des Regisseurs Antú Romero Nunes.

Ihm lag vor allem daran, den eloquenten Kämpfer für Recht und Freiheit ein wenig zu entlarven. Zu Hause hat Tell nicht viel zu sagen. Seine Frau rückt ihm die Krawatte zurecht, setzt ihm die Brille auf. Der Pullover ist von vorgestern, die Anhängerschaft spießig, die Parolen geprägt von nationalistischer Egozentrik. Sie sind an jene gerichtet, die ihre Interessen durch die habsburgische Besatzung gefährdet sehen.

Ein bisschen an einem Denkmal kratzen – das ist ein ernstzunehmender, sympathischer Ansatz für eine Inszenierung, die sich dann aber doch immer wieder mit statuarischem Opern-Pathos zufrieden gab. Das mag mit der mangelnden Erfahrung des Regisseurs zu tun haben. Rossinis „Tell“ ist, abgesehen von einem skurrilen „Don Giovanni“ – Experiment am Hamburger Thalia-Theater, sein Operndebüt.

Auch der von Florian Lösche ausgestattete Bühneraum bot atmosphärisch keinerlei Hilfe. Schwarze, säulenartige Röhren baumelten von der Decke, wurden gelegentlich im Takt hin und her bewegt.  „Menschenschrottpresse“ nennt der Regisseur im Programmheft diese martialisch anmutende Kulisse. Alpen oder Wald durfte man sich dazu denken.

Zur nachgelieferten Ouvertüre gab es schwäbisch-alemannische Fastnachts-Masken, unsympathisch kostümierte Kinder und Nazi-Personal aus dem Umfeld des bösen Gouverneurs Gesler zu bestaunen. Spätestens hier könnte sich die Regie etwas gedacht haben. Ist Tell, der saturierte Spießer, in seinem Kampf gegen die mit verfremdeter EU-Fahne fuchtelnden Habsburger vielleicht doch nur ein vorlauter Europaskeptiker?

All dies gibt die Musik nicht her. Sturm-Motive, Alphorn-Idylle, Streicher-Tremoli werden zwar immer wieder als Klangfarben-Dramaturgie bemüht. Insgesamt aber bleibt die Charakterisierung der Handlungsstränge konventionell. Vor allem dem Tenor sind Höchstleistungen abverlangt: Bryan Hymel sang den in die feindliche Habsburg-Prinzessin Mathilde verliebten Arnold Melcthal bravourös und meisterte die vielen hohen C's, einst von Luciano Pavarotti glanzvoll veredelt, weit mehr als nur achtbar. Seine Auserwählte (Marina Rebeka) tat sich da schon schwerer: Der kühle Koloraturen-Glamour beeindruckte, aber er ging nicht zu Herzen.

Die Titelpartie gab Michael Volle robust, ohne allzu viele Zwischentöne, ganz im Sinne der Inszenierung. Die übrigen – Goran Juric, Christoph Stephinger, Günther Groissböck, Kevin Conners – zeigten gewohntes Staatsopern-Niveau. Evgeniya Sotnikova sang den Tell-Sohn Jemmy zwar anrührend, übertrieb aber die knabenhaften Posen reichlich unbeholfen.

Dem aufmerksamen Dirigenten Dan Ettinger blieb kaum mehr, als das Geschehen musikalisch zusammen zu halten. Das Staatsorchester drängte sich nicht auf. Das kam den Sängern zugute. Das Buh für das Inszenierungs-Team war vorauszuahnen. Es galt wohl in erster Linie dem unattraktiven Bühnenbild. Die Sänger wurden angemessen gefeiert. Für Opernbildungsbürger ist dieser „Tell“ natürlich Pflicht. Für die anderen sollte der „komische“ Rossini des „Barbière“ oder der „Cenerentola“ nach wie vor erste Wahl bleiben.

Veröffentlicht am: 30.06.2014

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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