Premiere von "La Cenerentola" bei den Salzburger Pfingstfestspielen

Ältliches Mädchen mit Selbstbewusstsein und Optimismus

von Volker Boser

Leben statt träumen: Geburtstagskind Cecilia Bartoli als zupackende Cenerentola. Foto: Salzburger Festspiele / Silvia Lelli

Der Jubel ist selbst für Salzburger Verhältnisse ungewöhnlich Und als dann alle im "Haus für Mozart" das "Happy Birthday" auf Cecilia Bartoli anstimmen, die am Tag zuvor Geburtstag hatte, ist das so, als wolle man gemeinsam demonstrieren, wie sehr diese verschworene Pfingstgemeinde zusammen hält: an guten wie an schlechten Abenden.

Rossinis "Cenerentola" gehört seit langem zu den Glanzpartien des italienischen Weltstars. Auch in München hat sie damit gepunktet. Doch die Zeit vergeht. Aschenputtel ist in die Jahre gekommen. Cecilia Bartoli ist klug genug, sich davor nicht zu verstecken. Regisseur Damiano Michieletto zeigt seine Salzburger "Cenerentola" nicht als das arme Hascherl aus einer zuckersüßen Märchenwelt, sondern als zupackendes, ältliches Mädchen, das noch immer an seine Chance glaubt. Was ihr freilich nicht leicht gemacht wird. Don Magnifico, der Papa, ist  Besitzer eines heruntergekommen Bistros. Dank der cleveren Fantasie des Bühnenbildners Paolo Fantin lässt es sich trotz einiger Premieren-Holprigkeiten im Handumdrehen in eine schicke Party-Bude verwandeln. Dort taucht Cenerentola auf, knallrot gekleidet wie ein Hollywood-Star und mit dunkler Sonnenbrille bewaffnet. Man muss es einfach glauben, dass die Männer auf der Bühne sofort fasziniert sind. Aus dem Zuschauerraum erschließt sich das, pardon, erst mit einiger Verzögerung.

Von Cenerentola bezaubert: Javier Camarena als Don Ramiro mit Cecilia Bartoli. Foto: Salzburger Festspiele / Silvia Lelli

Aber schließlich geht es ja auch um höhere Werte. Cecilia Bartoli hat durchblicken lassen, dass für sie die Cenerentola zu den vielschichtigsten Rossini-Partien zählt: Eine zärtliche, wie das Eingangslied "Una volta c´era un Re" zeigt, bisweilen melancholische junge Dame, die den Misslichkeiten ihres Lebens mit Selbstbewusstsein und Optimismus begegnet. Gesanglich meistert die Römerin die Partie noch immer routiniert, wenn auch nicht mehr ganz schlackenlos.

Was die Fans nicht stört. Denn stimmliche Engpässe werden von einer witzigen und einfallsreichen Regie immer wieder bravourös aufgefangen. Zu ihrer großen Schlussarie lässt Cenerentola kleine Päckchen an die anwesenden Gäste verteilen. Darin befinden sich Gummihandschuhe. Von der Decke regnet es die Eimer dazu. Don Ramiro, der designierte Ehemann, verteilt großzügig das Putzmittel. Und los geht´s. Einwände mögen erlaubt sein: Etwa gegen den Dirigenten Jean-Christophe Spinosi, der seinem "Ensemble Matheus" nahezu allen Orchesterglamour verbietet und die Musik rhythmisch unstet zwischen Langsamkeit und Hektik ansiedelt. Tenor Javier Camarena (Ramiro) macht seinem Image als Shooting Star alle Ehre. Nicola Alaimo (Dandini) und Ugo Guagliardo (Alidoro) singen virtuos, lustvoll, stilistisch authentisch. Die übrigen sind allenfalls Durchschnitt. "La Bartoli" und ihr Partner vom hohen C sowie die Inszenierung holen bravourös die Kohlen aus dem Feuer.

 

Veröffentlicht am: 09.06.2014

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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