"Brandstifterei" frei nach Max Frisch im TamS-Theater

Überdrehter Turbo-Aktionismus und ein Riesenspaß

von Gabriella Lorenz

ADHS-Zappelphilipp und gezierte Zicke: Axel Röhrle und Sophie Wendt. Foto: Hilda Lobinger

Max Frisch schrieb "Biedermann und die Brandstifter" 1958 nach dem antiken Tragödien-Gesetz der unausweichlichen Katastrophe und untertitelte es als "Lehrstück ohne Lehre". Weil der Mensch nie was dazulernt. Deshalb fällt auch der Kapitalist Biedermann, der gerade gnadenlos seinen Kompagnon in den Selbstmord getrieben hat, auf die beiden obdachlosen Ex-Knackis rein, die er auf seinem Speicher übernachten lässt. Obwohl das Muster in der Stadt bekannt ist: Josef und Willi nisten sich mit einer Mitleidstour ein und bereiten in Ruhe den nächsten Brand vor.

Biedermann sieht alles und will es als Gutmensch nicht wahrhaben. Darauf bauen die Brandstifter: "Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die nackte und blanke Wahrheit. Die glaubt keiner." Hochaktuell: Hat nicht der Verfassungsschutz jahrelang über V-Leute den NSU mitfinanziert?

In der komplett gepolsterten Wohnlandschaft (Bühne: Claudia Karpfinger) mit Kamin und Kletterstangen zum Dachboden tobt schrille Action. Mit artistischem Körpereinsatz rennt der Hektiker Biedermann die Wände hoch, fällt seine Frau erschreckt aufs Sofa, stolpert das Dienstmädchen über die eigenen Füße und kriecht auf, auch unter, den Bodenpolstern herum. Vorgarten, Flur und Speicher sind videoüberwacht, vier Monitore zeigen alles. Allerdings wirkt auf dem kleinen Bildschirm die  Dachbodenszene, in der Biedermann mit den Brandstiftern die Zündschnur ausmisst, ermüdend lang.

Sensibleren Gemütern könnten das ständige, jähe Gekreisch und der grell überdrehte Turbo-Aktionismus nach einer Weile auf die Nerven gehen. Aber die Schauspieler halten hochpräzise das Tempo mit immer neuen szenischen Überraschungen und grotesker Akrobatik. Und zeichnen herrlich komische Typen: Biedermann Axel Röhrle ist ein zerrissener, ADHS-getriebener Zappelphilipp, seine Frau Babette eine gezierte Zicke (hinreißend: Sophie Wendt),  das Dienstmädchen Ines Honsel tumb, naiv und leise trotzig. Feuerteufel Josef (Helmut Dauner) spielt den Proll aus gegen den Dandy Willi (Burchard Dabinnus). Und Judith Riehls schwarze Witwe rächt als Komplizin (schöne dramaturgische Freiheit) wortlos den Tod ihres Mannes. Alle geben den immer wieder auftauchenden Chor der Feuerwehrleute mit wilden Schnauzbärten und köstlichen Ballett-Einlagen. Und das ist ein Riesenspaß.

TamS-Theater, bis 5. Juli 2014, Mi – Sa 20.30 Uhr, Telefon 345 890

Veröffentlicht am: 04.06.2014

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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