Kabarettist Hagen Rether im Deutschen Theater

In Wut ergraut

von Eveline Kubitz

Ganz ruhig, aber in ihm gärt es: Hagen Rether. Foto: Oliver Schwabe

Das erste, das einem auffällt im neuen alten Deutschen Theater: Die Sitze sind so weich und bequem. Das letzte, das man denkt bevor man – nach dreieinhalb Stunden – geht, nein, entlassen wird: Wieso sind die Sitze eigentlich so hart? Kabarettist und Gesellschaftsstudierender Hagen Rether fesselt das Publikum mit Charisma und klugem Witz, um es dann zu fordern, zu provozieren und – zu beschenken.

Rether scheint merklich ergraut, seitdem er vor zwei Jahren das letzte Mal in München war. Dunkle Ringe unter den Augen unterstreichen den Eindruck, den man schnell von seinem Programm „Liebe“ bekommt: Viel Liebe ist da nicht übrig, Hagen Rether hat eine Wut im Bauch. Eine Wut, die man wahrscheinlich zwangsläufig bekommen muss, wenn man eine Gesellschaft, ihre Politik und ihre Mechanismen so genau beobachten und so feinsinnig kontextualisieren kann wie er. Und wenn man diese Schlussfolgerungen dann nicht so einfach wieder verdrängen, wegkonsumieren, oder wegzappen kann, wie der normale, eigentlich informierte, aber eben auch bequeme Bürger.  „Ich weiß nicht wie Sie ins Bett gehen können, wenn Sie diese Szenen aus dem Irakkrieg sehen, ich weiß nicht wo Sie das hinschieben. Ich mache Kabarett. Ich mache das nicht für Sie, sondern für mich.“

Ganz ruhig, ganz sonor sagt er das, während er auf einem Bürostuhl vor einem Flügel sitzt. Der kommt kaum zum Einsatz, überhaupt ist die äußere Handlung des Abends überschaubar. Weil Hagen Rether sensationell fesselnd erzählen kann wie kaum ein anderer Kabarettist, braucht er nur seine Stimme und sein Intellekt. „Ist doch klar, dass die Mutter aus Pakistan irgendwann nach Deutschland kommt und auch mal gerne von Stiftung Ökotest hören will, wie giftig das Spielzeug eigentlich ist, das ihre Kinder produzieren. Aber die Nähte bei H&M sind auch nicht mehr das was sie mal waren.“

„Ich wär’ so gern ein Drohnenpilot, dann könnte ich von Zuhause aus arbeiten.“ Das ist alles ein feiner, kluger und über weite Strecken zynisch-lustiger Abend, auf hohem intellektuellen Niveau. So lange wie man sich nicht ertappt fühlt. Denn gerade das Thema Ökologie, Klimawandel und der Umgang mit der Umwelt nimmt einen großen Teil des Abends ein - und transportiert einen Großteil von Rethers Empörung.

Das Klavier und die Banane: Fester Bestandteil des Programms. Foto: Oliver Schwabe

Aber ab und an setzt man sich eben in den Flieger und bläst Abgase in die Atmosphäre, isst eine Currywurst im Biergarten und trägt so zur Massentierhaltung bei, oder kauft Schokolade, die nicht fair gehandelt ist und unterstützt so Kinderarbeit. Gnadenlos drischt Hagen Rether drauf; mit der Ruhe und der Präzision eines Herzchirurgen sticht er seine rhetorische Nadel in die Unzulänglichkeiten der Menschen.

Es ist vollkommen klar, dass er damit auch dem Publikum ordentlich vor den Bug schießt, einige Plätze sind nach der Pause leer. Aber trotzdem, damit kein Zweifel bleibt: „Ich meine damit nicht den Hartz IV-Empfänger, der kein Geld hat für fair gehandelte Produkte. Ich meine damit die Leute, die sich Theaterkarten leisten können.“ Lachen wird zu Hüsteln wird zu Schweigen. Ungerührt spielt er auf der Klaviatur des menschlichen inneren Konfliktes weiter, erbarmungslos und bis an die Schmerzgrenze.

Das ist dann doch nicht schön und erst recht nicht federleicht. Das ist nicht Sich-berieseln-lassen nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag. Erst recht nicht, wenn der Montagabend nach dreieinhalb Stunden langsam zum Dienstagmorgen wird. Es ist politisches, gesellschaftliches Kabarett wie es ursprünglich mal gedacht war. Um den Menschen den Spiegel vorzuhalten, sie zu drangsalieren und zum Nachdenken anzuregen. Auch Dieter Hildebrandt, den Hagen Rether sehr verehrt, provozierte auf diese Weise gern sein Publikum. Menschlich, wer sich in seinem Innersten dagegen wehrt. Vor allem weil man es nicht mehr gewohnt ist derart angegangen zu werden: Comedy, Satire und Kabarett bedeuten heutzutage meist nur noch das Hangeln von Pointe zu Pointe. Die Angst vor Stille im Saal ist zu groß, also lieber noch einen Gag hinterherschieben als das Publikum kognitiv zu fordern und auch mal zu überfordern.

Kritiker nennen Hagen Rether arrogant und selbstgerecht. Das Problem dabei aber ist: Er hat schlicht und einfach Recht. Er untermauert zuverlässig mit Zahlen, mit Fakten, mit einer schier unglaublichen Informiertheit. Und da ist sie wieder, diese Wut:  „Das kulturelle Vermächtnis der Menschheit wird sein, einen artenreichen Regenwald in Gülle verwandelt und multiresistente Keime erzeugt zu haben.“

Veröffentlicht am: 15.05.2014

Über den Autor

Eveline Kubitz

Redakteurin

Eveline Kubitz (1986)ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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