Jan Delay auf dem Tollwood

„Ihr steht voll im Saft, ne?!“

von Eveline Kubitz

"Kommt ihr mit? Wir gehen jetzt los!" Keno Langbein von Moop Mama. Alle Fotos: Salvan Joachim

Irgendwann ist da dieser Moment, wenn das erste Mal fremder Schweiß auf die eigene Haut tropft. Aber da ist schlicht keine Kraft, mehr zu tun als es schwach zu bemerken; schließlich muss man hüpfen, tanzen, singen, springen und irgendwie atmen. Jan Delay und Moop Mama verwandeln die Gehrlicher Musik Arena in ein tropisches Feuchtbiotop und sorgen für einen spektakulären Auftakt des Tollwood Sommerfestivals.

In den allermeisten Fällen haben Vorbands einen, wenn nicht undankbaren, dann zumindest doch anstrengenden Job: Das Publikum klammert sich noch verkrampft-bewegungslos an Bier und Weinschorle fest, Nachzügler suchen unruhig ihre Plätze und die Lieder werden höflich applaudierend abgenickt in der Hoffnung, dass jetzt endlich die Bühne geräumt wird für den Hauptact. Die Bedingungen in der Gehrlicher Musik Arena sind noch mal anspruchsvoller: Es ist unfassbar heiß. Die Sonne hatte den ganzen Tag Zeit, das Zelt in einen Hochofen zu verwandeln. Schon im Stehen schwitzt man als hätte man einen Halbmarathon hinter sich. Zeitungen, Eintrittkarten, flach zusammengepresste Trinkkartons, Smartphones – alles wird wedelnd zweckentfremdet, in dem verzweifelten Versuch das bisschen Luft, das noch übrig ist, für sich zu sichern.

Moop Mama, die 10-Mann-Brassband aus München, will und wird darauf keine Rücksicht nehmen, das ist schon bei ihrer ersten Nummer, „Geh mit uns“, klar. Kraftvoll schieben die brillanten Bläser und Drummer um Frontmann und Rapper Keno Langbein eine gewaltig-tosende Geräuschkulisse in Richtung Publikum, die binnen zwei Liedern für völlige Begeisterung sorgt. Die Texte sind klug, Kenos Art zu rappen virtuos, und Stillstehen ein Kompromiss, den man zugunsten trockener Klamotten seit den ersten Tönen nicht mehr eingehen kann. Nach einer guten halben Stunde dann der Ritterschlag für eine Vorband: Fordernde, wenn auch atemlose, Zugabe-Rufe Richtung Bühne.

Keine Pause, keine Gnade: Jan Delay

Ein guter Sportler teilt sich seine Kraft ein, daran hätte man vorher mal denken sollen. Denn das was dann folgt, ist ein Anderthalbstundensprint bei gefühlten 50 Grad Celsius. Diesen ist es wohl auch geschuldet, dass Jan Delay – sonst im schnieken Anzug - das Sakko weglässt und im Unterhemd die Bühne stürmt. „Also ich bin ja einiges gewohnt, aber das…“ keucht er, während er sich den Schweiß mit einem Handtuch vom Gesicht wischt. Vollkommen zwecklos, keine zehn Sekunden später laufen wieder Sturzbäche an ihm herunter. Das hält aber weder ihn, noch seine Band Disko No. 1 davon ab, das Publikum an den Rand eines Schwächeanfalls zu bringen. Es sind neu interpretierte Kracher, wie „Türlich Türlich“ von das Bo, „Backstreet’s Back“ von den Backstreet Boys, Deichkinds „Krawall und Remmi Demmi“, Cee Lo Greens „Crazy“ "Fuck You" oder Whitney Houstons „Dance With Somebody“, jetzt neu eingekleidet im Delay’schen Disco-Outfit, die einen vor existenzielle Probleme stellen: Atmen oder singen? Tanzen oder einfach dem Hintermann schwindelnd in die Arme fallen?

Die Antwort darauf liefern dann Hits des Debütalbum "Mercedes Dance" wie „Feuer“ oder „Für immer und dich“: Die hat man jetzt so lange nicht mehr gehört, dafür kann man auch kurz noch bei Bewusstsein bleiben. Aber dann kommt „Oh Jonny“, dann kommt „Klar“ und „Disko“, das darf man jetzt auch nicht verpassen, der Körper hat ohnehin schon kapituliert und bewegt sich ganz automatisch, die Lippen sowieso. Eine Pause gönnt Jan Delay dem Publikum nicht, immer mehr Männer haben sich mittlerweile von den triefend nassen Lumpen befreit, die noch vor kurzer Zeit T-Shirts waren; Frauen, die Bikinioberteile tragen, oder BHs, die auch nur entfernt so aussehen, schleudern ihre Tops über den Köpfen herum.

Anderthalbstundensprint bei gefühlten 50 Grad Celsius

Bei „Large“ aus dem zweiten Album „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ wirbeln die drei wunderschönen Backgroundsängerinnen in ihren Paillettenkleidern herum wie Discokugeln und singen „Es ist warm“, statt „Ich bin large“. Jan Delays Unterhemd ist mittlwerweile durchsichtig und vom Gewicht in die Länge gezogen, die Hose bis zu den Oberschenkeln nass, der Schweiß tropft ihm von der Hutkrempe, als er sagt: „Ihr müsst mal nach Hamburg kommen, dort ist richtige Ekstase!“ Mit flimmernden Augen und weichen Knien glaubt man nicht ganz was man da hört; was Jan Delay meint ist, dass der Tontechniker an diesem Abend die Show auf maximal 95 Dezibel runterregulieren muss und dass heute um spätestens 22 Uhr Schluss ist, „wegen der Anwohner.“

Man würde ihm überallhin folgen, wenn auch taumelnd und ein bisschen ängstlich, was da wohl noch kommen mag...

 

Anmerkung der Redaktion (01.07.2012; 09 Uhr): Im vierten Absatz wurde der Liedtitel korrigiert.

 

Bildergalerie: Jan Delay

 

Bildergalerie: Moop Mama

 

Veröffentlicht am: 30.06.2012

Über den Autor

Eveline Kubitz

Redakteurin

Eveline Kubitz (1986)ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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