Pinters "Der Hausmeister" von Andrea Breth am Residenztheater

Diese leise Art ist hochgefährlich

von Gabriella Lorenz

Anwachsende Bedrohung. Hans-Michael Rehberg (Davies), Norman Hacker (Mick), Shenja Lacher (Aston). Foto: Ruth Waltz

Lange hat es gedauert, die große Andrea Breth endlich nach München zu locken. Dieter Dorn wollte sie schon vor Jahren ans Residenztheater holen – das scheiterte zwei Mal, wohl auch krankheitsbedingt. Nun kann Resi-Intendant Martin Kusej die Ehre der ersten Münchner Breth-Inszenierung verbuchen. „Der Hausmeister“ von Harold Pinter wurde in ihrer textgenauen Regie zu einem Triumph handwerklicher und psychologischer Perfektion für die Schauspieler Hans-Michael Rehberg, Shenja Lacher und Norman Hacker. Sie wurden nach zweieinhalb Stunden genauso bejubelt wie die 61-jährige Regisseurin.

Die Londoner Uraufführung von „Der Hausmeister“ brachte 1960 dem 30-jährigen Theaterautor Harold Pinter den Durchbruch. Sein Vorbild Beckett schimmert deutlich durch, auch wenn Pinter nie als Dramatiker des Absurden etikettiert werden wollte. Viel gespielt in den 60ern und 70ern, verschwanden seine Stücke danach fast von den Bühnen. 2005 erhielt er drei Jahre vor seinem Tod den Literatur-Nobelpreis, da war seine Zeit längst vorbei.

In München hat den „Hausmeister“ zuletzt August Everding 1972 an den Kammerspielen inszeniert - mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle. Im Residenztheater spielt Hans-Michael Rehberg den Penner Davies, der sich als Parasit im Leben zweier Brüder einnistet und zunehmend bedrohlich die Atmosphäre vergiftet. Der sanfte Irre Aston hat dem Obdachlosen ein Bett in seiner Rumpelkammer gegeben. Er solle das verfallene Haus renovieren, erklärt der manische Bastler Davies und bietet ihm einen Job als Hausmeister an. Noch nie hat man Shenja Lacher so zurückgenommen und in sich gekehrt gesehen wie hier als entrückten und doch unter innerem Strom stehenden Menschenfreund Aston, der Konflikten mit konzentriertem Schrauben an einem Elektrostecker ausweicht.

Der Schmarotzer Davies nutzt seine Chance mit immer schamloseren Ansprüchen, hat jedoch die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Denn der Hausbesitzer ist Astons Bruder Mick, der sich als Geschäftsmann ausgibt. Bei Norman Hacker ein cooler Lederjacken-Träger, der mit sadistischer Lust das Machtspiel von Davies annimmt. Aber auch seine Fassade bröckelt, sein Unternehmen besteht nur aus einem Lieferwagen.

Bühnenbildnerin Annette Murschetz hat jede Menge Gerümpel in ein grau-verrottetes Zimmer mit fleckigen Wänden hineingequetscht – Astons gesammelte Welt unter einer nackten Glühbirne. Darin will Davies opportunistisch seinen Platz erobern: Hans-Michael Rehberg wechselt virtuos von liebedienerischer Schmeichelei zu immer aggressiveren Forderungen, von geduckter Unterwürfigkeit zu herrisch-kantigem Besitzanspruch. Er verbreitet eine unheimliche Bedrohung und spielt die Brüder skrupellos gegeneinander aus. Mit ihren exzellenten Darstellern  inszenierte Andrea Breth einen Psychothriller der leisen und gefährlichen Art. Dessen Knoten der Autor nicht auflöst. Das Unausgesprochene, das Aneinander-vorbei-Reden, die halben Sätze sind die Waffen im eskalierenden Machtkampf, der unheildräuend in der Schwebe bleibt.

Künstlerisch ist diese hochpräzise, manchmal fast manieristisch übergenau komponierte Aufführung wunderbar gelungen. Ob sie allerdings mit dem düsteren Thema ein Publikumserfolg wird? Die Schauspieler sind in jedem Fall sehenswert – vor allem Hans-Michael Rehberg, der mit der Premiere seinen 77. Geburtstag feierte. Martin Kusej, ein leidenschaftlicher Koch, überreichte ihm eine Residenztheater-Torte. Sagte aber nicht, ob er sie selbst gebacken hat.

Residenztheater, 28. April, 9., 10., 14. Mai 2014, 19.30 Uhr, Telefon 2185 1940

Veröffentlicht am: 09.04.2014

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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