Zu Ioan C. Tomas "Ballade der Mädchen vergangener Zeit"

Drei Geschichten aus Rumänien

von Gabriella Lorenz

Susanna Kratsch, Ileana Taautu. Foto: Bonnie Tillmann

„Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?“ fragte Francois Villon Mitte des 15. Jahrhunderts in seiner „Ballade der Damen vergangener Zeit“. In seinem Bühnenstück „Ballade der Mädchen vergangener Zeit“ beschwört der Regisseur Ioan C. Toma authentische Erinnerungen an böse Zeiten. Drei in Rumänien geborene Frauen haben in Büchern beschrieben, was ihnen im Zweiten Weltkrieg geschah. Tomas Inszenierung wurde am 13. und 14. März 2014 in der Reithalle uraufgeführt und wird noch einmal wiederholt am 28. und 29. März in der St.-Lukas-Kirche.

Der Krieg riss zwei von ihnen in höllische Welten, wo es nur noch um Sterben oder Überleben ging. Die Bäuerin Anita (Anitza) Nandris-Cudla, wurde 1904 in der Bukowina geboren. Als die Sowjets die Bukowina besetzten, wurde sie wie viele ihrer Landsleute 1941 mit ihren Kindern nach Sibirien deportiert. Ihre „Lebenserinnerungen – 20 Jahre in Sibirien“ haben Toma durch ihre poetische Kraft und durch Anitzas Verständnis für die Eskimo-Ureinwohner beeindruckt. Die galten bei den Russen als unzivilisiert, man nahm ihnen ihre Rentierherden ab und schickte ihre Kinder in Internate. „Anitza, die nur vier Jahre zur Schule gegangen war, begriff anthropologisch weise das Fremde“, sagt Toma. „Trotz des eigenen Überlebenskampfes in der eisigen Tundra merkte sie, dass die Eskimos im eigenen Land diskriminiert wurden. Das war ihr Schlüssel zum Verstehen.“ Sie kehrte in die Bukowina zurück und starb 1986.

Erst 15 war die ungarische Jüdin Ana Novac (1929 – 2010), als die Nazis sie aus Siebenbürgen ins KZ deportierten. In Auschwitz und anderen KZs führte sie heimlich Tagebuch, da stehen wilde Sätze wie: „Seit der Tod nicht aufhört, mich sitzen zu lassen, ist er deutlich in meiner Achtung gesunken!“ Ihre veröffentlichten Aufzeichnungen nannte sie als Schriftstellerin „Die schönen Tage meiner Jugend".

In der Gegenwelt lebte die gleichaltrige Deutsche Bettina Schuller im siebenbürgischen Kronstadt. Dort war man begeistert von Hitler-Deutschland. In ihrem Buch „Führerkinder“ schildert sie, wie sie selbst als junges Mädchen der Verführung erlag und reiht sich ohne Beschönigung ein unter die Hitler-gläubigen Jungmädel – obwohl ihre Mutter früh Zweifel in ihr säte. Bettina Schuller, heute 85, ist die Mutter von Ioan C. Toma, der 1953 in Kronstadt (damals hieß es Stalinstadt, ab 1961 Brasov) zur Welt kam.

So bringt der Regisseur drei Zeitzeugnisse in Zusammenhang mit eigenen Erfahrungen: „Ich stelle mich einer Geschichte, die direkt mit mir zu tun hat. Wir öffnen ein Zeitfenster im Leben dreier Frauen am Ende des Krieges. Und sie vertreten auch drei Nationen, die damals in Siebenbürgen lebten.“ Toma will sein Stück auch in Rumänien aufführen. In seiner epischen Textfassung spielen Susanna Kratsch (Ana) und Ileana Tautu (Bettina) die ineinandergreifenden Erinnerungen, die polnische Akkordeonistin Jolanta Szczelkun übernimmt den Rahmenpart der Anitza und schafft mit Musik aus der Bukowina die Atmosphäre.

Der 1940 annektierte nördliche Teil der Bukowina gehört heute zu Russland. Dass sich gerade zur Zeit eine ähnliche Besetzung auf der Krim mit ihren verschiedenen Volksgruppen ereignet, ist für den Theatermacher Toma eine höchst beunruhigende Aktualisierung seines Stoffes.

Die Aufführungen in der St.-Lukas-Kirche am 28. und 29. März 2014 beginnen um 20 Uhr, nur Abendkasse.

 

Anmerkung (22.3.2014, 16.30 Uhr): Die Überschrift "Drei Geschichten aus der Bukowina" wurde nach einem Hinweis von Ioan C. Toma zu "Drei Geschichten aus Rumänien" geändert, da nicht alle Geschichten in der Bukowina spielen.

Veröffentlicht am: 19.03.2014

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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