"Schande" in der Regie von Luk Perceval an den Kammerspielen

Was das Unrecht mit uns macht

von Gabriella Lorenz

Zwei Weiße, ganz unten, ganz rechts: Brigitte Hobmeier, Stephan Bilsmeier. Foto: Julian Röder

Das Stück könnte auch Schuld und Sühne heißen. Denn darum geht es in dem Roman des Nobelpreisträgers J.M. Coetzee. Was die mehr als 40 Jahre herrschende Apartheids-Politik den Schwarzen in Südafrika angetan hat, erleben jetzt die Weißen - Demütigung und Erniedrigung. 1994 wurde die Rassentrennung aufgehoben, 1999 erschien Coetzes Roman „Schande“. Luk Perceval hat die sehr narrative Bühnenfassung von Josse De Pauw schon 2009 in Amsterdam inszeniert und sein Konzept nun in den Kammerspielen neu umgesetzt. Nach mehr als zwei Stunden Jubel für die bravourösen Darsteller.

Schande ist der Zentralbegriff, den Coetzee in Varianten durchdefiniert. David Lurie ist Uni-Professor für Literatur. Sein Sexbedürfnis befriedigt ein schwarzes Callgirl, er glaubt, mit 52 sich und seine Realität völlig im Griff zu haben. Doch eine Affäre mit einer Studentin, für die er vor dem Uni-Tribunal keine Reue zeigen will und deshalb in Schande entlassen wird, schleudert ihn aus seinem Alltag. Er flüchtet zu seiner lesbischen Tochter Lucy, die auf dem Land als Weiße unter Schwarzen eine kleine Farm und eine Hundepension betreibt. Ein Überfall durch drei Schwarze hebt beider Leben komplett aus den Angeln und zerstört ihre Persönlichkeiten.

Das Drama hat emotionslose Zuschauer: Katrin Brack bevölkert die Bühne mit Schaufensterpuppen dunkler Hautfarbe in Alltagskleidung. Sie sind Staffage und Gesellschaftsbild, zwischen ihnen müssen die Schauspieler ihren Weg an die Rampe finden. Die Schwarzen werden von drei farbigen Darstellern in gebrochenem Englisch verkörpert: Hochpräsent Felix Burleson (er spielte die Rolle schon in Holland auf Afrikaans) als hilfreicher Petrus und neuer einflussreicher Landherr, der die Weißen an seiner Macht auflaufen lässt und Lucy am Ende seinen Schutz anbietet. Genauso schützt er seinen Clan, darunter den Jüngsten der Verbrecher und Vergewaltiger: Aaron Amoatey legt einen grausig-furiosen Wutausbruch hin. Lorna Ishema verkörpert als Callgirl und Petrus' Frau erlernten Befehlsgehorsam.

Doch das Stück handelt von den Weißen in Südafrika, deren Welt und Weltbild in Stücke bricht. Zunächst aus der Perspektive von David Lurie, der keine Schuld eingestehen will. Stephan Bissmeier zeigt die intellektuelle Überheblichkeit leise und unaufgeregt, behält auch als Erzähler den ruhigen Ton, der die Inszenierung bestimmt. Er verliert nur die Beherrschung, als sein Gerechtigkeitssinn mit Petrus' Familienbewusstsein kollidiert. Und er begreift nicht, dass seine Tochter Lucy das aus der Vergewaltigung entstandene Kind nicht abtreiben lässt. Aber er muss sich fügen: Am Ende versenkt er seine geliebte Ukulele in einem Müllsack für Hundekadaver. Brigitte Hobmeiers Lucy ist anfangs eine verspielte, kindliche Tochter, der man die Farmerin nicht recht glaubt. Nach der Vergewaltigung wird sie zur tränenfeuchten Büßerin mit vor der Brust verschränkten Armen, die mit der Aufgabe ihrer materiellen Existenz gerade noch ein Minimum an Menschenwürde behält. Sie sühnt mehr als eigene Sünden.

Perceval letztlich sehr epische Inszenierung bebildert nichts. Die Vergewaltigung zeigt ein quietschend schaukelndes Podest an, den Mordversuch an David ein Feuerzeug an seinem Gesicht. Es gibt ganz kleine komische Momente: David findet die weiße Nachbarin Bev (die großartige Annette Paulmann) hässlich und blickt ihr ins Gesicht - man wundert sich nicht über die folgende Beschreibung des Beischlafs. Barbara Dussler als Studentin zeigt ihre Hilflosigkeit gegenüber Lurie so eindringlich wie (als ihre kleine Schwester) die naive Verführungskraft einer Lolita. Und Wolfgang Pregler zeichnet ihren Vater mit religiöser Fundamentalisten-Schärfe.

Kammerspiele, 28. Dezember 2013, 2., 12., 21. Januar 2014, Telefon 233 966 00

Veröffentlicht am: 24.12.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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