"OBserving Bundeswehr" und "Gob Squad" bei Spielart

Knackwurst-Kultur mit Erlaubnis zum Reinbeißen

von Gabriella Lorenz

Wurst und Semmel, konzeptuell. Foto: Thomas Koch

Nun weiß man so einiges über die Bundeswehr, was man noch nie darüber wissen wollte. Auch das ist Spielart: Es drängt einem ungefragt Themen auf. Und die Dramaturgie-Studenten der Bayerischen Theaterakademie, die unter Anleitung des renommierten Dokumentar-Theatermachers Hans-Werner Kroesinger Aufgaben und Funktionen der Bundeswehr erforschten, sind jetzt Experten. Sie haben ihre persönlichen Fragen („Was ist Krieg für mich?“) in mehreren Räumen des verwinkelten Prinzregententheaters installiert, durch die Guides die Besucher führen - ständig treppauf, treppab.

Nach zwei Stunden ist man äußerst wehrertüchtigt und entsprechend erschöpft. Vieles ist gute, informative, manches auch ermüdende, theoretische Fleißarbeit. Nur die Installation von Svenja Gottsmann bezieht den Zuschauer wirklich ein: als Kantinengast, der vor der Knackwurst auf die Erlaubnis zum Reinbeißen wartet. Und am Info-Messestand von Farina Grieb kann man nachfragen, was einen interessiert. Das ist das Besondere an Spielart, dass es einmalige Projekte wie „OBserving BUNDESWEHR“ ermöglicht. Ebenso wie viele  Koproduktionen, die immer das Risiko des Scheiterns bergen.

Wie bei der deutsch-britischen Gruppe Gob Squad aus Berlin, die schon zu den festen Spielart-Gästen zählt. Die Fan-Gemeinde jubelte euphorisch. Diesmal - nach manchen schwächeren Gob-Squad-Performances - aus gutem Grund. Mit „Western Society“ bewegt sich die Truppe auf einem stets absturzgefährlichen Grat zwischen Video- und Live-Performance, holt dazu sieben Zuschauer auf die Bühne, die ihre Kopfhöreranweisungen so gut ausführen, dass man alles für inszeniert halten möchte. Sie sollen ein angebliches Youtube-Video einer Familienparty nachstellen. Die vier Gob-Squad-Protagonisten, die  splitternackt auf Highheels mit Blondperücken hereinstöckeln und sich dann in trashige Goldfummels zwängen, entwickeln zu den Figuren Fantasien und Visionen, projizieren ihre Vergangenheit und erdachte Zukunft auf zwei riesige Videoscreens. Einer hinten, einer an der Rampe, dazwischen steht das spießige Sofa-Mobiliar mit den realen Akteuren, die man meist nur gefilmt sieht, wenn sie nicht aus dem Bild heraustreten auf die Bühne. Der Mix aus Fiktion und Realität entwickelt nach langatmigem Einstieg spannende Sogkraft. Ob diese witzig gebrochenen, kaputten Familienidyllen tatsächlich das Herz der westlichen Gesellschaft sind, mag dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall ist es ein recht virtuoses, unterhaltsames Spiel mit den Medien.

Festival Spielart bis 30. November 2013, www.spielart.org

Veröffentlicht am: 28.11.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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