Zwischenbilanz zum Theaterfestival Spielart

Von Mao bis zum Glücksbedürfnis - auf erstaunlichen Wegen

von Gabriella Lorenz

Das Living Dance Sudio mit "Bejing". Foto: Richy Wong

Mit einer afrikanisch-deutschen Tanz-Produktion über die Idee des Panafrikanismus fing das zehnte Spielart-Festival an, dann zeigte das Nature Theater of Oklahoma die Banalitäten der US-Gesellschaft als Marathon-Kunstform aus Gleichmacher-Choreografie und Pop-Oper. Das Living Dance Studio aus Beijing blickte mit seiner Werkschau ins brutale Reich des Mao-Kommunismus, der hierzulande von der 68er-Generation ungeheuer verklärt wurde. Die Choreografin Wen Hui und der Filmemacher Wen Wenguang verschmelzen Doku-Videos mit minimalistischer, meditativer  Tanzperformance, eingehüllt in einen Kokon aus durchsichtigen Vorhängen. Was da nüchtern und unsentimental von alten Menschen erzählt und mit Parteipropaganda konfrontiert wird, zeigt ein Unterdrückungssystem, das West-Sozialisten lange nicht als solches sehen wollten.

Aus Übersee tastet sich das Festival-Programm nach Europa zurück. Zwei aufwändige Theaterproduktionen blickten auf unsere Welt - beide deprimierend, komisch und ergreifend. Die belgische Needcompany von Jan Lauwers ließ sich bei „Marketplace 76“ von Lars von Triers „Dogville“ inspirieren. Nach einem Massenunglück offenbaren sich die Defekte einer Dorfgemeinschaft durch Selbstmorde, Inzest, Vergewaltigung. Die Ordnung gerät aus den Fugen, aber das  Glücksbedürfnis findet erstaunliche Wege. Das ist atmosphärisch getragen von Poesie, anrührenden Chorgesängen, Tanzeinlagen und verblüffend surrealen Bildern, nicht ohne Komik.

Die Needcompany mit "Marketplace 76". Foto: Wonge Bergmann

Ebenso “Dementia, Or the Day of my Great Happiness“. Regisseur Kornél Mundruczó, der mit seiner Protagonistin Kata Wéber das Proton Theatre in Budapest leitet, zeichnet anhand einer verfallenen Klinik für Demenzkranke mit nur noch vier Patienten ein bitteres und groteskes Porträt von Ungarn. Hier ist jeder korrupt. Aber am Ende behaupten die verrückten Alten mit Hilfe ihres guten Engels, der keineswegs engelhaften Krankenschwester Dóra, in fröhlicher Anarchie ihren Platz. Mundruczó inszenierte eine grelle und bildkräftige Metapher.

Zum Spielart-Urgestein zählt seit dem Beginn vor 20 Jahren die britische Truppe Forced Entertainment. Diesmal zeigte ihr Gründer und Regisseur Tim Etchells mit seinem Solo „A Broadcast/ Looping Pieces“ seine Arbeitsweise: In ständiger elliptischer Textrepetition mit spiraligen Weiterführungen entwirft er eine Art Film Noir. Ein Werkstatt-Einblick.

Den gab auch die Spanierin Cuqui Jerez mit „Dream Project“: kleine, witzige szenische Etüden. Marginal blieben einige der Produktionen aus Nahost über die Spannungen zwischen Israel und Palästina. Das Filmkonzert „Jerusalem“ der Gruppe Berlin  verlor sich nach einem spannenden Stadtporträt in politischen Statements. Katarzyna Kozyra erklärte arrogant ein paar rohe Video-Schnipsel als Work in Progress. Zum Glück gab's danach die bewegende Film-Hommage „Art/ Violence“ für den 2011 ermordeten  Juliano Mer-Khamis, der 2006 im  Flüchtlingslager Jenin das Freedom Theatre gegründet hatte. Seine Tochter und seine Mitarbeiter setzen seine Arbeit fort. Erinnern will auch Ofira Henigs Company aus Tel Aviv:„Geh mir aus der Sonne“ collagierte sehr langatmig Texte von Heine, Lorca, Camus, dem Kriegsfotografen Robert Capa mit eigenen Biografien. Danach dröhnte das Künstler-Trio Tashweesh aus Ramallah mit einer Sound-Video-Performance wild-wüste Gewalt-Eindrücke ins Hirn.

Das Festival dauert bis zum 30.11.2013.

Veröffentlicht am: 27.11.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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